Abstract

Das Buch stellt gleichzeitig die Dissertation der Autorin an der Professur für Amerikanistik der Universität Passau dar. Es ist ebenso ein Beitrag zur Südostasienforschung und folgt somit einem interdisziplinären Ansatz. Methodologisch herrscht ebenfalls Vielfalt. Multi-sited Feldforschung wird praktiziert. Dabei geht es sowohl um empirische Untersuchungen und teilnehmende Beobachtungen an verschiedenen geografischen Orten als auch um die Erkundung virtueller Räume und kritische Betrachtung theoretischer Konstruktionen. Den roten Faden der Untersuchung bilden die Wanderungen von Teilen der ethnischen Hmong innerhalb Asiens und aus Asien heraus in die Vereinigten Staaten von Amerika. Statt “Integrationsvari-anten” hätte das Buch auch den Begriff “Migrationsvarianten” (mit) im Titel führen können.
Der erste Hauptteil der Arbeit verfolgt und analysiert die Wanderung der Hmong von ihren mythisch verklärten Ursprüngen in China über Laos und Thailand in die USA. In der Analyse wird dabei der Schwerpunkt darauf gelegt, wie das Konzept einer “globalen Diaspora” auf die Hmong anzuwenden ist. Es wird gezeigt, dass sich mit Hilfe der neuen Kommunikationstechnologien Umrisse einer globalen “Hmong-Identität” ausmachen lassen, die sich sowohl im familiären Bereich (transnationale Ehen) als auch in der Einflussnahme auf aktuelle sozialpolitische Themen über staatliche und kontinentale Grenzen hinweg auswirkt. Da die Hmong eine der vielen ethnischen Gruppen sind, die niemals eine nationale Identität hatten und eine solche in der Zukunft auch kaum erwerben werden, spielt die Konstruktion von Identität stiftenden “Heimaten” eine wichtige Rolle. Damit wird es der Hmong-Community in den USA gleichzeitig möglich, sich als “Hmong-American” gleichberechtigt mit anderen in der neuen multi-ethnischen und multi-kulturellen Gesellschaft zu positionieren.
Der zweite Hauptteil der Arbeit, der sich mit der Integrationsproblematik der Hmong in den USA befasst, löst dann das in der Einleitung gegebene Versprechen ein, der Heterogenität eines nur imaginierten Hmong-Kollektivs Rechnung zu tragen. Nach einer Diskussion der einschlägigen Integrationskonzepte in den USA, ihrer theoretischen Gültigkeit und einer Darstellung der regionalen Konzentration der Hmong werden die Gemeinschaften der in die USA eingewanderten Hmong in Hinblick auf Gender und Generationen differenziert unter die Lupe genommen. Dabei werden eine Reihe von hoch ambivalenten Prozessen konkret dargestellt, durch die “emanzipatorische” Ziele mittels “traditioneller” Strategien erreicht werden sollen. Ein Beispiel sind frühe Heiraten von Mädchen, die benutzt werden, um dem als gegenüber der “US-amerikanischen Norm” als repressiv empfundenen Elternhaus zu entkommen.
Im – kurzen – Schlussteil wird ein besonders interessantes Phänomen beleuchtet. Es geht um den Versuch, eine Gruppe von Hmong, die lange in einem thailändischen buddhistischen Kloster – dem als “Drogenklinik” bekannten Wat Tham Krabork – Asyl gefunden hatten, in die schon seit Längerem bestehenden US-amerikanischen Hmong-Gemeinschaften zu integrieren. Der spannungsvolle Prozess der Integration von Hmong in eine schon bestehende vielfältige Hmong-Gemeinschaft hatte weitere Differenzierungen dieser Community zur Folge.
Ein wesentliches Verdienst der Arbeit ist es, die Hmong (und damit stellvertretend auch andere Minoritäten Südostasiens) nicht nur in der “Opferrolle” darzustellen, wie es etwa angesichts ihrer Instrumentalisierung durch die USA im Vietnamkrieg ja auch durchaus gerechtfertigt ist. Angehörige dieser Gemeinschaft entwickeln nicht erst in den USA zum Teil miteinander im Widerspruch stehende Strategien zur Durchsetzung von “Hmong-Interessen” in sehr unterschiedlichen Kontexten. Individuelle Emanzipationsstrategien, Rückgriffe auf imaginierte Traditionen und Versuche, das Rad der Geschichte durch einen Staatsstreich in Laos zurückzudrehen, stehen dabei nebeneinander und überlagern sich.
Es versteht sich für eine an einer deutschen Universität entstandene Dissertation, dass sie theoretisch auf der Höhe der Zeit ist. Wer sich etwa über den aktuellen Stand der Diskussion in Sachen Assimilation, Ethnizität (konstruiert, optional und symbolisch) sowie Hybridität schlau machen will – und das dazu noch auf Deutsch – wird hier kurz und gut informiert. Allerdings, und das gehört zur anderen Seite deutscher akademischer Gelehrsamkeit, muss der Leser teilweise auch eine Sprache in Kauf nehmen, die den Elfenbeinturm noch nicht so ganz hinter sich gelassen hat.
Insgesamt ist dies eine hilfreiche Monografie, die – einmal wieder – deutlich macht, dass sich die allgemeinen Bedingungen unserer globalen Existenz vielleicht am besten erkennen lassen, wenn wir uns mit Gruppen beschäftigen, die scheinbar am Rande des Weltgeschehens agieren. Integration, Migration und auch Identität als eindeutige Realitäten sind nicht nur für die Hmong nur noch im Plural denkbar als Varianten von etwas. Insofern stellt die Studie eine wichtige und interessante Momentaufnahme dar, die auf eine Fortsetzung neugierig macht.
