Abstract

Die Situation der Frau in Indonesien hat sich seit dem Ende der orde baru Suhartos nicht in dem von Frauenrechtlerinnen und Frauenrechtlern erhofften Maße verändert. Als im Frühjahr 1998 Suharto nach 33 Jahren als Staatspräsident zurücktreten musste, konnten endlich die Vorraussetzungen für einen Demokratisierungsprozess geschaffen werden. Zahlreiche Proteste, vor allem von Studierenden, und der Entzug der Unterstützung seiner Minister hatten den autokratischen Präsidenten schließlich zum Rücktritt gezwungen. In der folgenden Phase der reformasi gab es in der Bevölkerung große Hoffnungen auf die nachhaltige Verbesserung ihrer Lebensumstände. Interessensgruppen auf verschiedensten Gebieten haben die Möglichkeit genutzt, sich freier zu organisieren und Einfluss auf die Politik auszuüben. In der Frauenbewegung war mit der reformasi die Hoffnung verbunden, endlich mehr Erfolge im Kampf um Gerechtigkeit, Gleichstellung und Mitbestimmung zu erzielen.
Ausgehend von der Annahme, dass ein Systemwechsel grundlegende Veränderungen in der Anwendung von Politikstrategien mit sich bringt, analysiert Genia Findeisen die normativen und faktischen Veränderungen der Situation von Frauen im Zeitraum von 1998 bis 2004. Im Gegensatz zu zahlreichen Aufsätzen, die sich mit Teilaspekten der Situation von Frauen in lokal eher begrenztem Raum in Indonesien beschäftigen, legt Genia Findeisen eine umfassende, gesamtnationale Analyse vor. Sie liefert mit ihrem Buch einen wichtigen Beitrag zur empirischen Forschung zur Rolle und Situation von Frauen im Demokratisierungsprozess. Der Forschungsstand, der sich bisher auf die Analyse von Prozessen in Südamerika, Südafrika und Osteuropa regional beschränkte, wird durch das Buch mit einem Beispiel aus Südostasien ergänzt.
Genia Findeisen geht in ihrem Buch der Frage nach, ob das demokratische System der reformasi zu mehr Gleichberechtigung der Geschlechter führt. Dazu betrachtet die Autorin die Situation der Frau im politischen, gesellschaftlichen, familiären und beruflichen Zusammenhang. Es werden die Fortschritte und Rückschlage untersucht, die es seit Wahids Machtantritt bei der Implementierung einer emanzipatorischen Reformpolitik gegeben hat. Dabei werden Faktoren aufgedeckt, die Veränderungen eher begünstigen oder blockieren. Da in der Demokratieforschung (beispielsweise von Giovanni Sartori oder Robert Dahl) nicht hinsichtlich des Geschlechts spezifiziert wird und die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung noch zu wenig Einfluss auf Diskussionen über Demokratie und Transformationstheorien hat, werden zur Theoriebildung Konzepte aus den Sozialwissenschaften herangezogen. In Kapitel 2 werden dazu zunächst feministische Ansätze, etwa von Anne Phillips, aufgezeigt, um dann die feministische Theorie mit der klassischen Demokratietheorie zusammenzuführen.
Kapitel 3 liefert einen umfassenden Überblick zur internationalen Frauenpolitik und gibt Einblick in Strategien zur Umsetzung des Gender-Ansatzes. Menschenrechtsresolutionen und Dokumente werden vorgestellt, welche die indonesische Politik beeinflusst haben. In Kapitel 4 wird die nationale Frauenpolitik seit dem orde baru sorgfältig recherchiert nachgezeichnet. Es wird auf die Problematik der Dezentralisierung, der Islamisierung und das Erstarken des adat-Rechts in einzelnen Regionen eingegangen und die Auswirkung dieser Entwicklungen untersucht.
Die Frauenbewegung kann in Indonesien auf eine lange Tradition im Kampf für Frauenrechte zurückblicken. In Kapitel 5 werden die Faktoren, welche die Entwicklung der Bewegung möglich machten, identifiziert, um dann zahlreiche Organisationen mit ihren jeweiligen Strategien und Handlungsschwerpunkten vorzustellen und zu kategorisieren. Dadurch entsteht ein genaues Bild der aktuellen NGO-Landschaft.
Das Vorhaben, empirische Daten mit normativen Vorgaben zu vergleichen, lässt sich für die Untersuchung der parlamentarischen Partizipation (Kapitel 6) auf den ersten Blick gut umsetzen, da hierzu Statistiken herangezogen werden können. Es bedarf jedoch darüber hinaus noch einer genauen Betrachtung der Auswirkung der Partizipation im Parlament. Ist die Beteiligung bloß formal oder werden durch die Interessensvertretung Veränderungen erwirkt? Als offensichtlichstes Beispiel, dass die top-down-Umsetzung der gender-mainstreaming-Programme noch mangelhaft ist, dient Megawati: Sie stand zwar an der Spitze des mehrheitlich muslimisch geprägten Landes, doch verringerten sich während ihrer Amtszeit die progressiven Maßnahmen in der bereits zuvor eingeleiteten Reformpolitik für Geschlechtergleichheit. Es wird deutlich, dass die Umsetzung neuer Gesetze oder Richtlinien immer wieder scheitert, da Sanktionsmittel fehlen, Frauen nicht ausreichend aufgeklärt sind oder in vielen Bereichen einfach unterrepräsentiert sind. Als eines der größten Probleme der Frauenbewegung identifiziert Genia Findeisen die Schwierigkeit, die die meist in urbanen Zentren angesiedelten Organisationen haben, Frauen in ländlichen Gebieten zu erreichen, einzubeziehen und so eine breite Masse zu mobilisieren. Je ländlicher die Regionen, desto geringer fällt auch die Partizipation von Frauen in Provinzparlamenten aus. Es bleibt eine Bewegung der Mittelschichtfrauen, die zudem noch stark fragmentiert ist und deshalb nicht geschlossen gegen die von Männern dominierte Politik antreten kann.
Kapitel 7 und 8 geben Aufschluss über die rechtlichen Rahmenbedingungen in den Bereichen Ehe und Familie sowie Arbeit und Beschäftigung. Es wird überprüft, ob die Gesetzgebung den internationalen Standards gerecht wird. So ratifizierte Indonesien als eines der ersten Länder weltweit schon während der orde baru die Frauenrechtskonvention CEDAW, doch ist die Gleichstellung der Geschlechter in der indonesischen Verfassung nicht garantiert. Viele der neuen Gesetzte sind nach Findeisen als formale Zugeständnisse an internationale und innerindonesische Forderungen nach Reformation zu werten und haben wenig bis keinen Einfluss auf die faktische Situation der Frauen. Fragwürdig erscheint Genia Findeisens Feststellung, dass Polygamie nach dem Jahr 1998 zu “einer populären Gepflogenheit avanciert ist” (S. 267), da nicht ersichtlich ist, aus welchen Quellen sie diesen Schluss zieht. Ein grundlegendes Problem bei der Analyse der tatsächlichen Lage der Frauen ist, dass die regionalen Unterschiede von Kultur und Tradition in Indonesien sehr groß sind. Daher muss die Autorin auf die Analyse der normativen, staatlichen Ebene zurückgreifen. Dadurch entsteht die Situation, dass die normative Stellung der Frau, etwa in der Gesetzgebung zu Familie und Ehe, zwar beschrieben wird, dies aber noch keine Aussagen zur eigentlichen Situation der Frauen in den sehr unterschiedlichen Gebieten Indonesiens liefert. Genia Findeisen versucht dieses Problem anzugehen, indem sie an einigen Stellen auf spezifische regionale Entwicklungen eingeht, beispielsweise im Minangkabaugebiet oder auf Sulawesi.
Die Autorin analysiert Quellentexte, Sekundärliteratur und Presseberichte, um die Zeit nach 1998 im Hinblick auf die Position der Frau in der Gesellschaft zu untersuchen. Darüber hinaus konnte sie durch zahlreiche Interviews während ihrer Forschungsaufenthalte zwischen den Jahren 2002 und 2005 auf Java einen fundierten Einblick in das Engagement von Aktivistinnen, Frauenorganisationen und NGOs gewinnen, die anschaulich die theoretischen Grundlagen ergänzen. Das Buch ist übersichtlich gegliedert und gut lesbar. Alle, die sich mit der Situation von Frauen in Indonesien oder Frauen in Demokratisierungsprozessen auseinandersetzen, werden Interesse an diesem Werk haben.
