Abstract
This article investigates the recent Thai-Cambodian border clash over the Preah Vihear temple. The temple was registered as a World Heritage Site in July 2008. Cambodia made its application in 2007, causing nationalist resentments in Thailand. The paper highlights underlying and proximate causes of the military escalation in October 2008 and argues that both sides are likely to dig in their heels as the temple is an important symbol of national identity, territorial integrity, and sovereignty. As such, any concession would involve high political costs that neither side can afford given their current domestic political situation, especially Thailand. Further, both sides are using the conflict for their own benefit in that it creates social cohesion, strengthens national identity, and generates a sense of community. After decades of civil war, this is particularly important in Cambodia.
Einleitung
Im Oktober 2008 erregte ein Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha die internationale Aufmerksamkeit. Bei Scharmützeln waren mindestens vier Soldaten ums Leben gekommen und zahlreiche verletzt worden. Es wäre eigentlich anzunehmen, Kambodscha könne sich aufgrund ökonomischer Abhängigkeit, klarer militärischer Unterlegenheit und gemeinsamer Mitgliedschaft in der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) keine größeren Auseinandersetzungen mit dem großen Nachbarn leisten, geschweige denn ein Interesse daran haben, solche heraufzubeschwören. Der seit Jahrzehnten andauernde bzw. immer wiederkehrende Streit um den Tempel Preah Vihear 1 im Grenzgebiet der beiden Staaten beweist jedoch das Gegenteil und hat in jüngster Zeit wiederholt für Aufsehen gesorgt.
Erneut aufgekommen war der Streit durch den Antrag Kambodschas, den Tempel in die Liste des Weltkulturerbes der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO) aufzunehmen. Nachdem die kambodschanische Regierung ihren Antrag im Jahr 2007 zunächst noch einmal zurückzog, da keine Einigung mit Thailand gefunden werden konnte, gelang es schließlich im letzten Jahr, die thailändische Regierung zeitweise umzustimmen und ihre Unterstützung zu gewinnen. Diese wurde jedoch alsbald wieder zurückgezogen und das unilaterale Handeln des damaligen thailändischen Außenministers Noppadon Pattama ohne Zustimmung des Parlaments vom höchsten Gericht als verfassungswidrig verurteilt. Die UNESCO sprach dem alten Khmer-Tempel trotzdem am 7. Juli 2008 den Status eines Weltkulturerbes zu.
Nun fragt man sich, warum Thailand überhaupt seine Zustimmung geben muss, wo es sich doch um einen Khmer-Tempel handelt, der bereits im Jahr 1962 in einem Urteil des Internationalen Gerichtshofes (IGH) Kambodscha zugesprochen wurde. Gegenläufige Besitzansprüche beider Länder hatten bereits damals zu einem Disput geführt und schließlich den Abbruch diplomatischer Beziehungen nach sich gezogen. Das besondere Problem besteht darin, dass der Gerichtshof lediglich über den Tempel selbst befunden hatte, nicht aber über das Gebiet, auf dem er sich befindet. Dieses Gebiet, 4,6 km 2 dichter Dschungel, hat nun neue Streitigkeiten hervorgerufen. Nachdem beide Länder Truppen an der Grenze stationiert hatten, die zunächst gemeinsam patrouillieren sollten, kam es im Oktober 2008 wiederholt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.
Wie kommt es dazu, dass die Nachbarn Thailand und Kambodscha einen militarisierten Konflikt beginnen? Wie ist das Vorgehen des kambodschanischen Premierministers Hun Sen zu erklären, der zwar einerseits von Investitionen aus und von ökonomischen Beziehungen mit Thailand profitiert, andererseits dem großen Nachbarn mit einem Ultimatum zum Abzug thailändischer Truppen aus dem Grenzgebiet “auf die Füße tritt”? Welche Interessen verfolgen die Parteien und warum nehmen sie für ein derart unwegsames und augenscheinlich wenig rentables Gebiet solch hohe Kosten auf sich?
Der vorliegende Beitrag wird den Tempelkonflikt zunächst in seinen weiteren Kontext einbetten. Schnell wird klar, dass der Tempel nicht der einzige territoriale Streitpunkt entlang der knapp 800 km langen Grenze ist. Ein Blick in die Geschichte verdeutlicht außerdem, dass die beiden (ehemaligen) Großmächte der Region in ständiger Rivalität zueinander standen und stehen. Auch jüngere Ereignisse zeigen, dass die bilateralen Beziehungen oft von feindlichen und nationalistischen Emotionen überschattet sind. So kam es erst im Jahr 2003 zu thailandfeindlichen Aufständen in Phnom Penh, bei denen die thailändische Botschaft und zahlreiche Geschäfte und Büros niedergebrannt wurden. Auch der Tempelkonflikt zieht sich schon lange durch die Geschichte der beiden Länder. Es ist anzunehmen, dass es sich um einen “verschleppten” Konflikt handelt, der dementsprechend besonders anfällig für ein gewalttätiges Austragen ist.
Was aber sind die direkten Auslöser und warum kommt es gerade jetzt zu einer erneuten Eskalation des jahrzehntealten Streits? Verschiedene Faktoren und Ereignisse haben zur Zuspitzung der Lage am Preah Vihear beigetragen. Im Folgenden sollen zunächst die tiefer liegenden Faktoren behandelt, bevor dann die direkten Auslöser der Eskalation im Jahr 2008 betrachtet werden. Die Regierungen beider Länder machen sich den Konflikt in nationalistischen Rhetoriken und in Zeiten innenpolitischer Instabilitäten immer wieder als Legitimationsressource zu Nutze, sodass es scheint, als hätten beide Seiten ein gewisses Interesse ihn beizubehalten.
Der Konfliktgegenstand – 4,6 km 2 Dschungel um den Prasat Preah Vihear
Der Hindu-Tempel Prasat Preah Vihear 2 gehört zu den eindrucksvollsten Bauwerken Südostasiens. Er wurde um das Jahr 1080 von den damaligen Khmer-Monarchen 3 erbaut, die von kambodschanischen Nationalisten bis heute als Helden verehrt werden. Wie der berühmte Angkor-Tempel ist Preah Vihear ein wichtiges nationales Symbol für die Kambodschaner und steht sinnbildlich für die Errungenschaften und die Unabhängigkeit des Khmer-Volkes. Des Weiteren stellt er eine wichtige religiöse Pilgerstätte dar und wird jedes Jahr von zahlreichen thailändischen und kambodschanischen Buddhisten aufgesucht. Er befindet sich in einem unwegsamen Gebiet auf einem Berg der Dangrek-Kette und ist von der kambodschanischen Seite nur schwer zugänglich. Von der thailändischen Seite ist er weitaus leichter zu erreichen, nicht nur, weil der Aufstieg dort weniger steil ist, sondern auch, weil die Infrastruktur besser ausgebaut ist. Eine Verbindungsstraße zwischen Siem Reap, wo sich der berühmte Angkor-Tempel befindet, und Preah Vihear ist jedoch im Bau.
“Prasat” bedeutet Tempel oder Schloss und wird im Folgenden ausgespart. Preah Vihear ist auch eine kambodschanische Provinz. Wenn im Folgenden von Preah Vihear die Rede ist, ist der Tempel und nicht die Region gemeint.
Das Reich wurde um 800 n. Chr. von König Jayavarman II. gegründet und erreichte unter Suryavarman II. und Jayavarman VII. im 11. und 12. Jahrhundert seine Blütezeit. In der Literatur finden sich unterschiedliche Angaben zum Bau des Tempels. Wahrscheinlich trug Suryavarman II. maßgeblich zu seiner heutigen Erscheinungsform bei, auch wenn der Bau bereits vorher begonnen wurde (vgl. Smith 1965: 4ff.).
Gegenstand des gegenwärtigen Konfliktes ist nicht der Tempel selbst, sondern das angrenzende Gebiet. Die verstärkte Stationierung von Truppen hatte die ungeklärten Grenzverläufe wieder auf die Tagesordnung berufen. Das umstrittene Gebiet umfasst 4,6 km 2 Dschungel.
Zum Tempel selbst hatte es bereits im Jahr 1962 ein Urteil des IGH gegeben, nachdem der Streit in den 1950er Jahren ungelöst geblieben war. Thailand etablierte nach Abzug der Franzosen aus Kambodscha einen Stützpunkt im Norden Preah Vihears und hisste seine Flagge über den Dächern der Tempelanlage. Die folgenden Verhandlungen in den Jahren 1956-58 scheiterten, sodass Kambodscha im Oktober 1959 rechtliche Schritte einleitete.
Um ihre Besitzansprüche zu untermauern, berief sich die kambodschanische Seite auf die französisch-siamesischen Verträge, die den Teil der Dangrek-Gebirgskette, in der sich Preah Vihear befindet, auf kambodschanischem Territorium verorte. Außerdem habe Thailand bis dato keine effektive Souveränität über das entsprechende Gebiet ausgeübt, was die Gegenseite natürlich vehement bestreitet. Die thailändische Regierung stellte zunächst die Zuständigkeit des Gerichtshofes an sich infrage, da Thailand selbst den Gerichtshof nie anerkannt habe (seit dem Jahr 1939 war Siam zu Thailand geworden) (St. John 1994: 65). Sie bestand weiterhin darauf, dass die Demarkation entlang der dortigen Wasserscheide verlief, was Preah Vihear klar auf thailändischer Seite verorten würde. Der Gerichtshof sprach sich schlussendlich in seinem Urteil von 1962 zugunsten der Kambodschaner aus, was weitestgehend auf dem Vertrag von 1907 gründete. Thailand habe die damals erstellte Karte wiederholt selbst verwendet und damit die Grenze anerkannt (Smith 1965: 142). Thailand erwiderte jedoch, dass es die Verträge unter Zwang eingegangen sei und sie somit keine Gültigkeit hätten. Dieses Argument erscheint angesichts der Tatsache, dass wohl kein Land freiwillig Gebiete abtritt und auch Kambodscha und Frankreich die Gebiete unter Zwang abgegeben hatten, wenig stichhaltig.
Das Urteil wurde in Teilen Kambodschas als Sieg über Thailand wahrgenommen und der Tempel bleibt bis heute Symbol dieser Errungenschaft. Nach den vergangenen Niederlagen und der hart erkämpften Unabhängigkeit wurden damit die nationalistischen Gefühle der nach Anerkennung strebenden Bevölkerung angesprochen. In Bangkok kam es zu gewaltsamen Protesten und medialen Hetzkampagnen. Die amtierende autoritäre Regierung unter Sarit Thanarat hatte bereits mit aufkommenden Aufständen in der nordöstlichen Provinz Isaan zu kämpfen. Das nationalistische Lager der thailändischen Bevölkerung war also dementsprechend sensibel bezüglich separatistischer und territorialer Streitigkeiten und fühlte sich in seinem Stolz verletzt. Außerdem wurde hinter dem Urteil eine kommunistische Verschwörung gesehen, da der Vorsitzende des Gerichts ein polnischer Kommunist gewesen sein soll. Wütende Thailänder bevölkerten die Straßen und wetterten gegen Kambodscha, besonders gegen König Norodom Sihanouk. Der Ehrentitel, den ihm eine Bangkoker Universität verliehen hatte, wurde zurückverlangt (St. John 1994: 66). Sihanouk konnte Preah Vihear im Januar 1963 offiziell in Besitz nehmen.
Nachdem der Tempel seit den 1970er Jahren von Khmer-Rouge-Streitkräften besetzt worden war, konnte er im Jahr 1992 kurzzeitig seine Tore wieder für die Öffentlichkeit, insbesondere für Touristen öffnen. Da das umliegende Territorium, über das der Tempel zugänglich ist, jedoch zu Thailand gehört, mussten Touristen ein entsprechendes Visum haben und die thailändische Infrastruktur nutzen. Thailand schmiedete bereits Pläne, den Touristenmagneten renovieren zu lassen. Außerdem verorteten viele von thailändischen Stellen veröffentlichte Karten (z.B. von Bangkok Airways, vgl. St. John 1994: 67) den Tempel weiterhin auf ihrer Seite der Grenze, was den Eindruck entstehen ließ, man stelle das Urteil weiterhin infrage und versuche, die Anerkennung durch eine faktische Missachtung zu revidieren.
In den Jahren 1993-1998 war Preah Vihear mit thailändischer Unterstützung erneut von den Roten Khmer besetzt gehalten worden. Erst nachdem die letzten Einheiten zur Regierungsarmee übergelaufen und die Roten Khmer vollends besiegt worden waren, konnte die Regierung unter Hun Sen den Tempel für sich beanspruchen. Er war jedoch weiterhin auf Thailand angewiesen, da der Zugang von kambodschanischer Seite aufgrund von Landminen und mangelnder Infrastruktur nahezu unmöglich war. Seither oszilliert die Lage am Preah Vihear zwischen Versuchen der gemeinsamen Verwaltung und Streitigkeiten bis hin zu kleineren militärischen Auseinandersetzungen, die sich zwar nicht um den Tempel selbst drehen, jedoch das direkt angrenzende Land betreffen – 4,6 km 2 Dschungel, der nicht nur touristische Einnahmen verspricht, sondern im Laufe der Jahre zu einem Symbol des nationalen Stolzes und der territorialen Integrität beider Länder geworden ist. Das Eingangstor des Tempels wird von Thailand kontrolliert, während der Komplex selbst unter kambodschanischer Verwaltung steht.
Der Disput um den Tempel stellt also einen “verschleppten” Konflikt dar, der sich bereits durch das ganze 20. Jahrhundert gezogen hat. Die tiefer liegenden Gründe für die Unnachgiebigkeit beider Seiten sind in der Geschichte der bilateralen Beziehungen zu suchen.
Das Verhältnis zwischen Thailand und Kambodscha ist seit jeher durch Misstrauen, Konkurrenz und gegenseitige Verachtung geprägt. Thailand zeigt Kambodscha gegenüber eine herablassende Haltung und verfolgte lange Jahre eine nationalistische und irredentistische Strategie. Einige Thailänder sehen die heutigen Kambodschaner nicht als Nachfahren der ehemaligen Hochkultur, sondern betrachten Khmer und Khom als zwei verschiedene Ethnien. Die eindrucksvollen Tempel seien von den Khom, die später von den Thais besiegt und ausgelöscht worden sein sollen, und nicht von den Vorfahren der heutigen Kambodschaner erbaut worden (Charnvit 2003: 1; Hinton 2006: 464). In Kambodscha stößt die Arroganz der thailändischen Öffentlichkeit auf großen Unmut. Die glorreiche Vergangenheit des Khmer-Reiches ist weiterhin präsent und essenzieller Bestandteil der nationalen Identität.
Rivalitäten vom Mittelalter bis in die Neuzeit
Vom 9. bis ins 12. Jahrhundert dominierte das Khmer-Reich die südostasiatische Region. Das Einflussgebiet der Khmer reichte über die südlichen Teile des heutigen Vietnam, über weite Teile Thailands und Laos’ bis hinunter an die malaiische Halbinsel. Angkor Wat, Preah Vihear und andere alte Tempelanlagen zeugen noch heute von dieser Zeit. Viele der damals entstandenen Tempel befinden sich heute auf thailändischem Territorium oder in den Grenzregionen. Die Khmer waren ihren Nachbarn als Kriegervolk bekannt und werden von Thais teilweise auch als Vorläufer westlicher Kolonialherren bezeichnet, da sie die Bewohner der eroberten Gebiete versklavt und so ihre Tempel erbaut haben sollen (Jumsai 1970: 16). Das heutige “Volk” der Thais soll erst im 13. Jahrhundert aus dem heutigen Südchina gen Süden gewandert sein, in einer Zeit also, in der das Khmer-Reich seinen Zenith überschritten hatte und bereits an Einfluss verlor. Sie errichteten dort ihr erstes Königreich Ayutthaya und konnten ihre Vorherrschaft nach und nach ausweiten.
Im den folgenden Jahrhunderten wurde das Khmer-Reich wiederholt von thailändischen Truppen überfallen und die Hauptstadt wurde mitsamt des mächtigen nationalen Symbols Angkor Wat im Jahr 1431 eingenommen. Seit dem Fall Angkors bis zur Errichtung des französischen Protektorats war die Geschichte Kambodschas weitgehend durch interne Machtkämpfe und den Bemühungen der Könige, die Unterjochung durch Siam und Vietnam abzuwehren, gekennzeichnet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das kambodschanische Reich von Ang Chan II. regiert, der von Siam gekrönt worden war, und mithilfe Vietnams versuchte Kambodscha, sich von dieser Fremdherrschaft zu befreien. Jedoch hatte dies eine zunehmende Vietnamisierung und einen sechs Jahre dauernden Krieg zur Folge. Im Jahr 1853 suchte der nachfolgende König Ang Duong schließlich Schutz bei Napoleon III., was den Weg für die spätere französische Kolonialisierung ebnete (Smith 1965: 4-15).
Diese Entwicklungen bewirkten, dass in Kambodscha bis heute eine besondere Form des Nationalismus besteht, die weniger auf einem Gemeinsamkeitsgefühl gründet, sondern eher Folge einer permanenten Bedrohung von außen ist. Die stetige Angst vor dem Schwinden des Reiches und damit der eigenen Identität wurde seither von den verschiedenen Herrschern geschickt zur eigenen Legitimation eingesetzt (vgl. Barnett 1990; Edwards 1996).
Kambodscha unter französischer Kolonialherrschaft – die letzte Rettung für ein schwindendes Reich?
Der heutige Grenzkonflikt ist Resultat französischer Grenzziehung. Die Ankunft der europäischen Kolonialherren (Frankreich und Großbritannien)
brachte erstmals das Konzept exakt abgegrenzter und territorial vermessener Nationalstaaten in die südostasiatische Region. Zuvor existierte ein System multipler Souveränitäten, in dem unterlegene Mächte zu Tributzahlungen verpflichtetet wurden. Diese Art von Machtbeziehungen wird als Mandala, in Thai als Prathetsarat, bezeichnet (Thongchai 1994: 82). Es ist also anzunehmen, dass Thailand seinen Machtanspruch in Kambodscha trotz der Errichtung des französischen Protektorats im Jahr 1863 keinesfalls verloren glaubte. Dies geschah erst auf Drängen Frankreichs durch einen Vertrag im Jahr 1867, in dem die “kambodschanische Frage” eindeutig zugunsten Frankreichs geregelt wurde.
Im Gegensatz zu vielen anderen postkolonialen Staaten hat Kambodscha bis heute ein relativ gutes Verhältnis zur ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die Bewahrung einer unabhängigen Identität, wenn nicht gar des eigenen Staates, durch die Errichtung des Protektorats im Jahr 1863 gesichert wurde. Das ehemalige Großreich der Khmer war seit der Einnahme Angkors durch das damalige Thai-Reich im Jahr 1431 im Schwinden begriffen. Verschiedene französisch-siamesische Verträge 4 in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts regelten die gegenläufigen Gebietsansprüche und sicherten Kambodschas Fortbestehen in den heutigen Grenzen.
In den Französisch-Siamesischen Verträgen von 1887 und 1893 gab die siamesische Regierung sämtliche Gebietsansprüche jenseits des Mekong auf. In späteren Verträgen (1902-1907) war sie außerdem gezwungen, die Provinzen Battambang, Sisophon und Siem Reap an Frankreich abzugeben. Der Vertrag von 1907 zog die Grenze entlang des Dangrek-Gebirges, sodass die Region Preah Vihear in heute kambodschanisches Territorium fiel. Es ist fraglich, ob Kambodscha ohne die Schutzmacht Frankreich heute noch als eigenständiger Staat bestehen würde. Die Französisch-Siamesischen Verträge von 1904 und 1907 haben in den bilateralen Beziehungen bis heute Relevanz behalten. Die Grenzziehung geschah damals zweideutig, zum einen existiert eine Karte, zum anderen wurde der Grenzverlauf entlang einer Wasserscheide verortet. Der Tempel Preah Vihear liegt in beiden Fällen jeweils auf verschiedenen Seiten der Grenze, was bis heute für Streitigkeiten sorgt.
Während des Französisch-Thailändischen Krieges der Jahre 1940/41 kam es erneut zu Grenzstreitigkeiten und -verschiebungen. Thailand, wie das siamesische Reich seit dem Jahr 1939 hieß, nutzte die Umstände des Zweiten Weltkrieges und brachte im Jahr 1941 die Provinzen Battambang und Siem Reap wieder unter seine Kontrolle. Mit japanischer Hilfe machte das Königreich seine Besitzansprüche in der Tokio-Konvention im selben Jahr dingfest. Diese Annexion geschah in einer wichtigen Phase der kambodschanischen Unabhängigkeitsbewegung, in der nationalistische Emotionen besonders ausgeprägt waren – ein Umstand, der die Wahrnehmung von Thailand als Erzfeind noch verstärkt haben dürfte. Nach Ende des Krieges wurde die Konvention jedoch durch den Vertrag von Washington ersetzt, sodass Thailand die erlangten Provinzen im Jahr 1946 wieder an Frankreich abtreten muss (Leifer 1961-1962: 362).
Die anhaltende Uneinigkeit der Nachbarstaaten resultierte neben den territorialen Streitfragen auch aus Machtkämpfen zwischen König Norodom Sihanouk und dem republikanisch gesinnten Son Ngoc Thanh, dem Begründer der antikolonialistischen Khmer-Issarak-Bewegung, die sich von den damals noch zu Thailand gehörenden westlichen Provinzen und mit Unterstützung der thailändischen Regierung organisierte (ebd.). Thailand unterstützte die Bewegung bis zum Vertrag von Washington, weil es hoffte, damit die Wiederherstellung französischer Kontrolle und somit die Abgabe der erlangten Gebiete vermeiden zu können. Nach 1946 zeigte es allerdings kein Interesse mehr an Khmer Issarak (Smith 1965: 31f.).
Im Jahr 1950 wurden erstmals diplomatische Beziehungen etabliert. Obwohl Kambodscha versuchte, während des Kalten Krieges Neutralität zu bewahren, rief die Anerkennung der chinesischen Regierung im Jahr 1958 große Besorgnis in Bangkok und Washington hervor. Thailand sah seine Sicherheit bedroht und rief wenige Tage später den Ausnahmezustand in den Grenzregionen aus. Das ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis Thailands wurde durch angeblich von Kambodscha aus organisierte kommunistische Aufstände verstärkt (Leifer 1961-1962: 366; St. John 1994: 66). Die gescheiterten Verhandlungen um den Tempel und die Anerkennung Chinas führten zum Aussetzen der diplomatischen Beziehungen im November 1958, die jedoch einige Monate später im Februar 1959 wieder aufgenommen wurden.
Im gleichen Jahr soll sich Thailand gemeinsam mit Son Ngoc Thanh, Südvietnam und den USA an Plänen zur Absetzung Sihanouks beteiligt haben – eine Unterstellung, die jedoch von thailändischer Seite bestritten wurde. Kurze Zeit später reichte Kambodscha die erwähnte Klage beim IGH ein (Leifer 1961-1962: 365f.).
Im Jahr 1961 wurden die Beziehungen in Folge medialer Auseinandersetzungen, gegenseitigen Anschuldigungen der thailändischen Regierung und Prinz Sihanouks und des weiter bestehenden Tempelkonfliktes durch ein Votum der kambodschanischen Nationalversammlung erneut abgebrochen und bis zu Sihanouks Sturz durch den Coup Lon Nols im Jahr 1970 nicht wieder aufgenommen. Sihanouks persönliche Beziehung zu Thailand hatte also eine wichtige Rolle in der gegenseitigen Wahrnehmung gespielt. 5 Erst nach dem Jahr 1970 ließ die gemeinsame Allianz mit den USA wieder engere Beziehungen zu, was jedoch vom Bürgerkrieg in Kambodscha überschattet wurde.
Im Jahr 1953 suchte Sihanouk Asyl in Thailand und ging ins Exil nach Bangkok, um Druck auf Frankreich auszuüben. Thailand empfing ihn eher als einen politischen Flüchtling und wurde seinem hohen Status als König nicht gerecht. Diese Kränkung hatte tiefe Auswirkungen auf die weiteren bilateralen Beziehungen (Leifer 1961-1962: 364).
Während der Khmer-Rouge-Zeit kam es wiederholt zum Aufeinanderprallen von thailändischen und kambodschanischen Streitkräften an den Grenzen. Die schlimmsten Zwischenfälle ereigneten sich im Jahr 1977, als die Khmer Rouge thailändische Dörfer angriffen und schwere Massaker verübten. Die Nahrungsmittelknappheit im Demokratischen Kampuchea, wie Kambodscha unter den Khmer Rouge genannt wurde, führte zu zahlreichen Überfällen und Plünderungen von Dörfern hinter der Grenze. Thailand unterstützte in dieser Zeit den Guerillakampf der Khmer Serej, die sich aus ehemaligen Lon-Nol-Anhängern zusammensetzte und ihre Operationen gegen die Khmer Rouge von thailändischem Boden aus manövrierte. Gleichzeitig bildeten die Khmer Rouge Angehörige der kommunistischen Bewegung Thailands, Angkar Siem, aus. Zahlreiche Flüchtlinge strömten seit Mitte der 1970er Jahre nach Thailand und stellten ein zunehmendes ökonomisches Problem dar. Im Jahr 1976 waren bereits 23.000 kambodschanische Flüchtlinge in Thailand eingetroffen. Kritiker merken an, dass die thailändische Wirtschaft gleichzeitig von den internationalen Hilfszahlungen für die Flüchtlingslager profitierte. Im Laufe des Konfliktes erhöhte sich die Zahl kambodschanischer Flüchtlinge auf eine Million. Einige von ihnen wurden jedoch direkt wieder zurück in die Arme der Khmer Rouge oder in verminte Gebiete getrieben (Asia Times, 16.10.2008).
Als die Vietnamesen Kambodscha im Jahr 1979 von der Khmer-Rouge-Herrschaft befreiten und das Land besetzten, verbündete sich Thailand mit den ehemaligen Feinden. Die Regierung unterstützte Pol Pot militärisch und finanziell, erwies sich als Schutzmacht in den Flüchtlingslagern und sicherte dort die Rekrutierung weiterer Streitkräfte. Pol Pots Regierung wurde weiterhin als legitimer Vertreter Kambodschas anerkannt und die Vietnamesen als kommunistische Besatzer verteufelt. Die Khmer Rouge waren außerdem ein willkommener Handelspartner Thailands. Durch den Verkauf von Edelsteinen, -hölzern und Konzessionen an thailändische Unternehmen konnten sie ihren Kampf gegen die von Vietnam eingesetzte Regierung langfristig finanzieren (Puangthong 2006: 82-99). Bis heute treiben in den Grenzregionen viele der ehemaligen Kämpfer illegalen Handel mit den wertvollen Rohstoffen und finanzieren sich so einen überdurchschnittlichen Lebensstandard.
Ende der 1980er Jahre kam es mit dem Amtsantritt des thailändischen Premierministers Chatichai Choohaven erstmals zu einer offiziellen Wende. Dieser bekundete sein Bestreben, Indochinas “battlefields into market-places” zu verwandeln und verstärkt Wirtschaftsbeziehungen mit den verschiedenen Parteien in Kambodscha aufzunehmen. Diese Entwicklung ergab sich einerseits aus einer Verschiebung der Machtverhältnisse in der Region. Vietnam befand sich in einer schlechten finanziellen Lage und kündigte an, sich aus Kambodscha zurückzuziehen. Andererseits unternahm Kambodschas Regierung erste Schritte der Liberalisierung und privatisierte weite Teile der Wirtschaft. Die “kommunistische Bedrohung” nahm stetig ab und das Ende des Kalten Krieges stand unmittelbar bevor. Die boomende thailändische Wirtschaft brauchte neue Absatzmärkte. Die Nachbarstaaten boten sich in dieser Hinsicht an und verfügten außerdem über wertvolle natürliche Rohstoffe. Thailand hatte also gute Gründe, seinen Einfluss in den ehemals kommunistischen Staaten auszubauen. Die Beziehungen waren eher von realpolitischen als von ideologischen Erwägungen geprägt und Thailand versuchte, seinen Profit, wo es nur ging, zu maximieren. Kambodscha stellte sich als viel versprechender Partner heraus, nicht zuletzt, da jegliche Regulierung der wirtschaftlichen Beziehungen umgangen werden konnte (French 2002: 448f., 460).
In den Verhandlungen zum Pariser Friedensabkommen zur Beendigung des kambodschanischen Bürgerkriegs im Jahr 1991 nahm Thailand eine vermittelnde Rolle ein. Seit dem Jahr 1993 wurden wieder offizielle Beziehungen aufgenommen, was eine neue Ära einleiten sollte. Durch den Eintritt Kambodschas in die ASEAN im Jahr 1999 kam es zu einer weiteren Annäherung.
Mitte der 1990er Jahre richteten die Armeen beider Länder ein General Border Committee ein, das die Grenzstreitigkeiten lösen sollte. Im Jahr 2000 unterzeichneten beide Seiten ein Memorandum of Understanding (MOU), das eine gemeinsame Grenzkommission (JBC, Joint Boundary Commission) einrichtete, die sich dem Demarkationsproblem annehmen sollte. In den folgenden Jahren kam es wiederholt zu kleineren Streitigkeiten, da kambodschanische Händler auf thailändischem Gebiet ihrem Gewerbe nachgingen und Kambodscha im Jahr 2003 durch die Äußerungen von Besitzansprüchen an zwei weiteren Tempeln in der Grenzregion weiter Öl ins Feuer goss (The Nation, 09.01.2003). Die Unruhen in Phnom Penh Anfang des Jahres 2003 hatten die anfängliche Entspannung der Beziehungen vollends überschattet. Die gewalttätige Demonstration richtete sich gegen thailändische Einrichtungen und Geschäfte und erforderte die Evakuierung der thailändischen Botschaft. Ausgelöst wurden die Proteste durch die angeblichen Äußerungen einer thailändischen Schauspielerin, die gefordert haben soll, Angkor Wat solle an seinen rechtmäßigen Besitzer, Thailand, zurückgegeben werden. Die Betroffene bestreitet jedoch, jemals solche Äußerungen gemacht zu haben. Der Regierung Hun Sens wurde nach den Ausschreitungen unterstellt, diese unterstützt und nur sehr zögerlich eingegriffen zu haben (US Department of State 2003).
Interessanterweise fanden im Jahr 2003, ebenso wie im Jahr 2008, Parlamentswahlen statt. In Folge der Ausschreitungen wurde der Besitzer der einzigen regierungskritischen Radiostation festgenommen. Außerdem konnte die Regierung so das harte Durchgreifen bei oppositionellen Demonstrationen rechtfertigen. Kritiker nehmen an, die Regierungspartei Cambodian People's Party (CPP) habe selbst ein Interesse an der Eskalation der Proteste gehabt (Hinton 2006: 453). Thailändische Filme und Sendungen wurden weitgehend aus den (meist durch die Regierung kontrollierten) Medien verbannt. Erst nach dem Beitritt Kambodschas zur World Trade Organization im Jahr 2004, die einen freien Wettbewerb fordert, wurde eine Wiederaufnahme thailändischer Beiträge in das kambodschanische Fernsehprogramm diskutiert (Phnom Penh Post, 08.10.2004).
Im selben Jahr der Unruhen fand auf Vorschlag des damaligen thailändischen Premiers Thaksin Shinawatra die erste gemeinsame Kabinettssitzung statt, in der sich die beiden Königreiche auf eine engere Zusammenarbeit verständigten. Außerdem wurde ein gemeinsames Komitee geplant, das Preah Vihear als Pilotprojekt für die gemeinsame Verwaltung natürlicher Ressourcen vorsah (The Nation, 01.06.2003). Im Jahr 2005 besetzte das thailändische Militär allerdings erneut den anliegenden Checkpoint. Dies macht deutlich, dass sich das Militär politischen Entscheidungen widersetzt und als eigenständiger Akteur auftritt. Nicht zuletzt wurde dies ja auch durch den friedlichen Putsch im September 2006 eindrucksvoll demonstriert. Preah Vihear wurde also zum Austragungsort innerer Machtkämpfe.
Die Eskalation des Tempelkonfliktes im Jahr 2008 stellt nur einen von vielen Zwischenfällen in den brisanten und historisch antagonistischen Beziehungen der zwei Nachbarn dar. Obwohl die Intensität der Grenzkonflikte seit den 1990er Jahren abgenommen hatte, bleiben sie dennoch ein wichtiges Thema. Neben dem Streit um Preah Vihear sorgt die nicht klar gezogene Grenze an der Küste bei Koh Kong und Koh Kut in jüngster Zeit wiederholt für Diskussionsbedarf. Nachdem in dieser Region Öl- und Gasreserven gesichtet worden waren, gewann diese Debatte an Brisanz. Die Insel Koh Kut, die eigentlich zu Kambodscha gehört, steht effektiv unter thailändischer Kontrolle. Der ehemalige thailändische Premierminister Thaksin Shinawatra plante gemeinsam mit Hun Sen, eine Sonderwirtschaftzone in Koh Kong zu errichten und ein Kasino zu bauen. Nachdem er jedoch abge setzt worden ist und strafrechtlich verfolgt wird, liegen die Pläne zunächst brach. Thailand befürchtet nun, dass Staaten wie Frankreich, die USA und die VR China, deren Unternehmen ein Interesse an den Öl- und Gasvorkommen haben, Kambodscha in seiner Forderung unterstützen werden.
Trotz gemeinsamer Mitgliedschaften in internationalen Organisationen und zunehmender wirtschaftlicher Verflechtungen bleibt das bilaterale Verhältnis gespannt. Der bestehende Austausch ist weitgehend auf ökonomisch profitable Bereiche begrenzt und die oftmals propagierte Brüderlichkeit und enge Freundschaft scheint eher zwischen einzelnen Teilen der Eliten zu bestehen, als auf gesamtgesellschaftlicher Ebene angesiedelt zu sein. So gehen Hun Sen und Thaksin gern miteinander Golf spielen. Wenn es die Umstände erfordern und machtpolitisch nützlich erscheint, wird die Gegenseite jedoch schnell wieder als Sündenbock und Gefahr dargestellt, so wie es in verschiedenen Medienkampagnen der Fall war. Die Diskrepanz zwischen diesen Ebenen lässt auf eine Instrumentalisierung der Antagonismen durch die Eliten schließen. Wirtschaftlich spielt Thailand für Kambodscha zwar eine Rolle, zunehmende Investitionen aus Südkorea und China stellen diese Abhängigkeit jedoch in den Schatten. Thailand ist Kambodschas wichtigster Handelspartner auf der Importebene, was sich allerdings mit der jetzigen Wirtschaftskrise und der damit verbundenen Verteuerung thailändischer Produkte schnell ändern kann. Die wenn auch inoffizielle Verbannung thailändischer Fernsehserien und Filme kann als Indikator für einen relativ geringen kulturellen und sozialen Austausch gesehen werden. Internetforen, in denen sich die jüngere Generation auszutauschen beginnt, zeigen, dass die alten Vorurteile teilweise fortbestehen (Hinton 2006).
Den Konflikt um Preah Vihear beizulegen, scheint vor diesem Hintergrund eine große Aufgabe. Da die bisherigen Ausführungen die tiefliegenden Ursachen und den weiteren Kontext des Streites veranschaulicht haben sollten, wird sich der nächste Abschnitt den unmittelbaren Auslösern und Rahmenbedingungen der Eskalation im Oktober 2008 widmen.
Die Eskalation des Tempelstreits im Jahr 2008
Im Jahr 2007 hatte die kambodschanische Regierungspartei CPP einen Antrag auf die Eintragung des umstrittenen Tempels in die Liste des UNESCOWeltkulturerbes gestellt. Mit Hinblick auf die im Juli 2008 anstehende Parlamentswahl wurde dies von vielen Beobachtern als wirksames Mittel gesehen, an den kambodschanischen Nationalstolz zu appellieren und so Wählerstimmen zu gewinnen. Wie bereits erwähnt sind die Tempelanlagen wichtige Symbole der nationalen Identität und repräsentieren neben ihrer religiösen Bedeutung die herausragende Zivilisation des Khmer-Volkes. Der Status als Weltkulturerbe würde der kambodschanischen Regierung neben wachsenden touristischen Einnahmen finanzielle Unterstützung bei Ausbau und Instandhaltung des Tempels einbringen. Thailand äußerte damals aufgrund der ungeklärten Grenzziehung Bedenken, sodass die UNESCO die Entscheidung zunächst auf das Jahr 2008 vertagte (The Nation, 07.07.2007). Im Januar 2008 unterstellte das thailändische Verteidigungsministerium der kambodschanischen Seite, falsche Beweise zu erfinden und die ausstehende Demarkation durch den UNESCO-Antrag unilateral entscheiden zu wollen (The Nation, 25.01.2008).
Im März reiste jedoch der gerade angetretene Premier Samak Sundaravey nach Kambodscha, um unter anderem den Tempelstreit zu diskutieren. Die neue Regierung akzeptierte den Vorstoß Kambodschas sowie das IGH-Urteil von 1962 und schlug die gemeinsame Verwaltung des umliegenden Gebietes vor. Trotz weiter bestehender Uneinigkeiten unterzeichnete der damalige thailändische Außenminister Noppadon am 18. Juni ein gemeinsames Kom-muniqué, in dem die thailändische Seite der Listung des Tempels zustimmte, jedoch unter dem Vorbehalt, dass die umstrittenen Gebiete westlich und nördlich des Tempels ausgeklammert bleiben. Dieser Akt stellte sich als gefundenes Fressen für die Oppositionspartei Democrat Party (DP, in Thai Phak Prachathipat) sowie die People's Alliance for Democracy (PAD) und das Militär heraus. Nur wenige Tage, nachdem die Regierung ihre offizielle Zustimmung gegeben hatte, wurde der Fall vor das thailändische Verfassungsgericht gebracht. Das Gericht befand, dass Noppadon mit seinem Handeln gegen die Verfassung verstoßen hatte, die für den Abschluss internationaler Verträge die Zustimmung des Unterhauses vorsieht. Die Regierung war also gezwungen, ihre Zustimmung wieder zurückzuziehen, und Noppadon musste bald darauf zurücktreten. Nichtsdestotrotz akzeptierte die UNESCO am 7. Juli 2008 die Registrierung Preah Vihears als Weltkulturerbe.
Eine Woche später drangen Angehörige der ultranationalistischen PAD-nahen Gruppe Dhammayatra auf das Tempelgelände ein. Es kam zu Festnahmen und der Vorfall führte zu verstärkter Truppenpräsenz auf beiden Seiten. Innenpolitischer Druck zwang Premierminister Samak schließlich dazu, eine nationalistischere Position zu beziehen und die territoriale Integrität Thailands entschiedener zu verteidigen. 6 Nachdem auch ein Treffen des General Border Committee zu keinem Ergebnis geführt hatte, suchte Kambodscha schließlich Hilfe beim Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (VN). VN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die beiden Staaten jedoch auf, den Konflikt bilateral zu regeln. Nach den kambodschanischen Parlamentswahlen am 27. Juli fanden sich die Außenminister zusammen und konnten sich schließlich auf eine Reduzierung der Truppen einigen. Es schien, als sei die Lage damit beruhigt. Jedoch kamen Anfang August neue Streitigkeiten über einen anderen Tempel auf, den Thailand für sich beanspruchte (Mekong Times, 05.08.2008).
In einem Brief an den kambodschanischen Premier Hun Sen betonte er, dass sich die thailändischen Truppen eindeutig auf thailändischem Territorium befänden, und warf der kambodschanischen Armee vor, die Souveränität Thailands mit ihrer Präsenz dauerhaft zu verletzen (The Nation, 19.07.2008).
Im September ging der Konflikt aufgrund innenpolitischer Unruhen in Thailand weitgehend unter. Nachdem Hun Sen dem neuen thailändischen Premierminister Somchai Wongsawat am 19. September noch zu seinem Amtsantritt gratuliert und sich bezüglich der friedlichen Regelung der Grenzstreitigkeiten optimistisch gezeigt hatte, stellte er wenige Wochen später, am 13. Oktober, ein Ultimatum zum Abzug der thailändischen Truppen binnen 24 Stunden (The Nation, 14.10.2008). Am 3. Oktober war es bereits zu Schießereien der beiden Armeen gekommen. Zwei Tage später wurden thailändische Soldaten von Landminen verletzt, von denen behauptet wird, sie seien erst kürzlich platziert worden. Damit würde Kambodscha gegen die von ihm unterzeichnete Ottawa-Konvention zum Verbot von Personenminen von 1997 verstoßen (The Nation, 15.10.2008). Kambodscha bestreitet jedoch, neue Landminen gelegt zu haben (Phnom Penh Post, 19.12.2008). Zwei Tage nach dem Ultimatum kam es erneut zu militärischen Auseinandersetzungen, bei denen vier Soldaten ihr Leben verloren. Da weitere Feindseligkeiten nicht auszuschließen waren, verließen viele in Kambodscha ansässige Thais das Land und zahlreiche Reisen wurden storniert. Die Auseinandersetzungen zwangen tausende von Bewohnern der umliegenden Dörfer, die Flucht zu ergreifen (Asia Times, 17.10.2008).
Am 24. Oktober trafen sich die Premierminister beider Länder anlässlich eines Asia Europe Meetings in Chinas Hauptstadt Beijing. Sie lehnten die von der ASEAN angebotene Vermittlung ab und wollten sich stattdessen aller zur Verfügung stehenden bilateralen Mitteln bedienen, um den Konflikt friedlich beizulegen. Die Tatsache, dass Thailand derzeit den Vorsitz der ASEAN hält, hätte eine neutrale, vermittelnde Rolle der Vereinigung ohnehin erschwert.
Die gegenseitigen Anschuldigungen ließen nicht nach. Kambodscha beschwerte sich über Beschädigungen an der alten Tempelanlage, Thailand unterstellt Kambodscha weiterhin die Verletzung der Ottawa-Konvention. Verhandlungen im November 2008 blieben weiterhin ohne Ergebnis. Im Dezember kam es dann in Thailand zu einem Regierungswechsel und die DP kam an die Macht, die zuvor das zu nachgiebige Handeln von Samak, Somchai und ihrer People's Power Party (PPP, in Thai Phak Palang Prachachon) schwer kritisiert hatte. Im Januar und Februar dieses Jahres folgten Verhandlungen, die sich jedoch größtenteils auf die Diskussion um den Namen des Tempels konzentrieren. Die thailändische Seite besteht darauf, dass in offiziellen Dokumenten sowohl der kambodschanische Name als auch der thailändische verwendet werden und hatte dies zur Bedingung für weitere Verhandlungen gemacht (Phnom Penh Post, 09.02.2009; The Nation 04.02.2009). Der militarisierte Konflikt wurde also auf die Ebene eines semantischen Streites reduziert. Es bleibt abzuwarten, ob sich eine Seite bereit erklärt nachzugeben. Um den Prozess der Registrierung als Weltkulturerbe fortführen zu können, ist Kambodscha auf eine baldige Einigung angewiesen, die jedoch nach dem Regierungswechsel in Thailand fraglich ist. Während einige Stimmen der kambodschanischen Opposition den Abbruch der Verhandlungen fordern, da diese ohnehin aussichtslos seien, äußerten sich Vertreter der Nichtregierungsorganisation ADHOC zuversichtlich, da die neue Regierung nicht mehr von den Straßenprotesten der nationalistisch gesinnten PAD in Bangkok blockiert würde. Die Möglichkeit, den Grenzstreit vor ein internationales Gericht zu bringen, wird von vielen Beobachtern als die einzige Chance gesehen, den Streit in absehbarer Zukunft beizulegen (Phnom Penh Post, 17.12.2008).
Die Vermutung, dass es beiden Ländern um touristische Einnahmen geht, liegt zwar nahe, greift jedoch zu kurz. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass es sich um einen tief verwurzelten Machtkampf der beiden ungleichen Rivalen handelt. Während Kambodscha den Tempel als Symbol seiner Unabhängigkeit zu sehen scheint, sieht Thailand seine nationale Souveränität gefährdet. Thailand muss befürchten, dass Preah Vihear zu einem Präzedenzfall wird und die Grundlage für weitere Gebietsansprüche in Koh Kong, aber auch im von separatistischen Aufständen geplagten Süden liefert. Dies würde die Integrität des Königreiches unterminieren und einen schweren Machtverlust nach sich ziehen. Innenpolitischer Druck zwingt die Akteure, besonders in Thailand, den Konflikt “mit harter Hand” zu führen.
Als Nachbürgerkriegsgesellschaft ist die kambodschanische Nation hochgradig gespalten. Die Erfahrungen der Vergangenheit haben dazu geführt, dass sich die kambodschanische “Nation” noch in den Kinderschuhen befindet und die Bevölkerung aus Selbstschutz eher zu Individualismus neigt (French 2002: 461). Um sein Gewaltmonopol beizubehalten, ist der Staat darauf angewiesen, sozialen Zusammenhalt herzustellen und so die Nationenbildung voranzutreiben. Wie Benedict Anderson (1983) festgestellt hat, ist eine Nation keinesfalls eine naturgegebene Größe, sondern bedarf der stetigen Reproduktion. Die Abgrenzung von einem “signifikanten Anderen” dient der Identitätsstiftung nach innen und kann in Zeiten mangelnden Zusammen halts und abnehmender Legitimation ein wirkungsvolles Instrument sein, Unterstützung zu gewinnen, Einheit zu stiften und von eigenen Defiziten abzulenken. Wenn sich die demokratische Legitimation auf dünnem Eis befindet, ist es für die Herrschenden rational, die Abgrenzung voranzutreiben.
Der Streit Preah Vihear bietet sich für beide Konfliktparteien als Mobilisierungsressource an. Da für die Kambodschaner die Vergangenheit des Khmer-Reiches und die Religion eine herausragende Rolle für ihre Identität spielt, kann es sich keine Regierung erlauben, in dieser Hinsicht Zugeständnisse zu machen, ohne als Verräter nationaler Interessen da zu stehen. Khmer-Sein wird im positiven Sinne hauptsächlich über die von Frankreich wiederentdeckten Tempel und die alte Khmer-Zivilisation definiert. Ein wichtiges Kriterium der gemeinsamen Identität ist außerdem die Abgrenzung zu dem, was Khmer nicht ist (Edwards 1996: 56). Der Konflikt um den Tempel hat also in zweifacher Hinsicht identitätsstiftende Züge. Hun Sen selbst nannte die Ernennung zum Weltkulturerbe eine neue Quelle des Stolzes für das kambodschanische Volk.
Ähnliches gilt für Thailand. Der über lange Jahre eingeimpfte Nationalstolz und die Propagierung einer pan-thailändischen Identität entgegen separatistischer Tendenzen vieler Minderheiten erlaubt es keiner Regierung, Einschnitte in die territoriale Integrität des Landes zu dulden. Dies wird auch beim Konflikt im Süden des Landes deutlich. Das Territorium eines Landes verkörpert das abstrakte Nationalgefühl, was territoriale Streitigkeiten weitaus gewaltanfälliger macht als andere Konfliktgegenstände (vgl. Thongchai 1994: 17). Gepaart mit historischen Rivalitäten und der religiösen Bedeutung des Tempels für beide Seiten ist ein solcher Disput also geradezu prädestiniert dazu, gewaltsam ausgetragen zu werden. Zugeständnisse einer Seite sind zwangsweise mit einem Gesichtsverlust im Innern und hohen innenpolitischen Kosten verbunden.
Die Unruhen in Bangkok im Jahr 2008 haben massiv zur Verhärtung der Fronten im Tempelstreit beigetragen. Die damals noch oppositionelle DP hatte den Konflikt gezielt genutzt, um die PPP zu diffamieren und ihr den Ausverkauf nationaler Interessen zu unterstellen. Dem Militär kommt in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle zu. Wie spätestens seit dem Putsch im Jahr 2006 bekannt ist, steht die Armee der DP weitaus näher als der PPP, der Nachfolgepartei der damals abgesetzten Partei Thai Rak Thai von Thaksin. Gerüchte besagen, der Oberbefehlshaber der thailändischen Armee, General Anupong Paochinda, habe sogar einen Coup gegen Somchai und die PPP geplant – Unterstellungen, die er jedoch bestreitet (Asia Times, 17.10.2008).
Für Kambodscha kam die geschwächte Stellung der thailändischen Regierung mehr als gelegen. Mit seinem Ultimatum nutzte Hun Sen die günstige Gelegenheit und versuchte die Verhandlungen voranzutreiben. Seit der Er nennung zum Weltkulturerbe stand er unter Zeitdruck, einen Verwaltungsplan für Preah Vihear vorzulegen (The Nation, 16.10.2008). Diese Tatsache gemeinsam mit der angespannten innenpolitischen Lage in Thailand scheint die wohl plausibelste Erklärung für die Eskalation des Streits im Oktober zu sein. Eine Reihe weiterer Faktoren spielen jedoch eine Rolle.
Die Auseinandersetzungen am Preah Vihear ereigneten sich am Jahrestag eines kambodschanisch-vietnamesischen Vertrages von 2005 zur Regelung der auch dort bestehenden Grenzstreitigkeiten. Dieser wurde aufgrund von erheblichen kambodschanischen Zugeständnissen vielfach kritisiert, sodass Kritiker Hun Sens, der im Übrigen unter vietnamesischer Besatzung eingesetzt wurde, annehmen, er wolle mit seiner kompromisslosen Vorgehensweise Stärke demonstrieren, Unterstützung mobilisieren und Fehler der Vergangenheit zu kompensieren versuchen (vgl. Chanda 2001). Zwar konnte Hun Sen seine Macht in den letzten Jahren stetig ausbauen, dennoch gründet sich seine Legitimation zu einem großen Teil auf Repression, politischer Gewalt und Patronage-Netzwerken, sodass ein gewaltsamer Konflikt mit Thailand auch eine gute Gelegenheit bietet, von inneren Defiziten abzulenken und Zusammenhalt zu schaffen. Auch die Tatsache, dass ehemalige Feinde nun als Alliierte gemeinsam gegen einen neuen Feind kämpfen, scheint eine gute Disziplinierungsmaßnahme für die gespaltene Armee zu sein (vgl. Asia Times, 18.10.2008). Die zunehmenden Investitionen aus Südkorea, China und Russland lassen Hun Sen zudem selbstsicherer auftreten, was auch in seinem zunehmend forschen Handeln westlichen Geberländern gegenüber deutlich wird (vgl. Asia Times, 14.11.2008). Er wird unabhängiger und demonstriert dies deutlich. Vor dem Hintergrund der oben umrissenen kambodschanischen Geschichte ständiger Fremdbestimmung kann er so die Unterstützung nationalistischer Lager für sich gewinnen.
Eine weitere Erklärung für das plötzliche Hochkochen des Jahrzehnte alten Streits könnte der Unmut des von der Regierung schlecht kontrollierten thailändischen Militärs über den angeblichen Deal zwischen Thaksin und Hun Sen sein, sich in der Preah-Vihear-Angelegenheit nachgiebig zu zeigen, um an anderer Stelle profitieren zu können. Wie bereits angesprochen, plante Thaksin den Ausbau Koh Kongs zu einem neuen Touristenzentrum (The Nation, 16.05.2008).
Ausblick
Die ergebnislosen Verhandlungen Anfang Februar 2009 lassen keinen sonderlich optimistischen Ausblick zu. Besonders die Machtübernahme der nationalistischen DP in Thailand lässt erwarten, dass keine der beiden Seiten in naher Zukunft bereit sein wird, Kompromisse einzugehen. Kambodscha jedoch muss ein dringendes Interesse an einer zügigen Klärung des Grenzstreits haben, um das Weltkulturerbe als Touristenattraktion vermarkten zu können. Die Listung als Weltkulturerbe lässt Hoffnung, dass andere Staaten der VN Druck auf die Konfliktparteien ausüben werden, zu einer einvernehmlichen Lösung zu finden. Mit Hinblick auf die innenpolitische Lage in beiden Ländern ist der Konflikt für beide Seiten nützlich. Zwar haben sich die Beziehungen der beiden Nachbarn durch die seit Ende des kambodschanischen Bürgerkriegs zunehmende wirtschaftliche Verflechtung und gemeinsame Mitgliedschaft in der ASEAN normalisiert, der erneut aufgetretene Konflikt stellt jedoch einen großen Rückschritt dar. Die Möglichkeit, den Disput vom Internationalen Gerichtshof entscheiden zu lassen, sollte als Option nicht ausgeschlossen werden. Es bleibt zu hoffen, dass die VN und UNESCO eine gemeinsame Verwaltung des Tempels in die Wege leiten und somit einen Stein auf dem Weg in eine freundschaftliche Nachbarschaft aus dem Weg räumen wird.
