Abstract
In einer Reihe europäischer Länder ist der eindeutige Trend zu beobachten, dass immer mehr Arbeitnehmer:innen einer Mehrfachbeschäftigung nachgehen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist allerdings wenig über die Struktur und die potenziellen Konsequenzen dieser Entwicklung besonders im Hinblick auf die Qualität der Beschäftigung und die soziale Absicherung der Betroffenen bekannt. Diese Ausgabe von Transfer befasst sich mit modernen Formen multipler Arbeitsverhältnisse in Europa. Haben sich Struktur, Natur und Dynamik der Mehrfachbeschäftigung im Laufe der Zeit verändert? Welche Rollen spielen ein flexibler Arbeitsmarkt, der technologische Wandel und die Fragmentierung der Arbeit bei der Entwicklung multipler Arbeitsverhältnisse? Profitieren Mehrfachbeschäftigte von vergleichbaren und adäquaten Beschäftigungsbedingungen, Arbeitsbedingungen und sozialer Absicherung im Vergleich zu Beschäftigten mit nur einem Job, oder sind sie infolge ihrer (fragmentierten) Beschäftigungssituation schlechter gestellt? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Gewerkschaften, politische Entscheidungsträger und die Regulierung der Arbeit? Die Beiträge dieser Themenausgabe von Transfer ergänzen die vorhandene Fachliteratur über neue Beschäftigungsformen im digitalen Zeitalter und über die damit verbundenen Herausforderungen für den Sozialschutz auch vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie. Diese Einführung soll die wichtigsten Auseinandersetzungen zum Thema Mehrfachbeschäftigung skizzieren und präsentiert eine Zusammenfassung der Artikel dieser Ausgabe.
Keywords
Einführung
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Natur und die Organisation der Arbeit u. a. aufgrund technologischer Entwicklungen, institutioneller Reformen und der Globalisierung verändert. Das hat in vielen modernen Volkswirtschaften zu flexibleren und stärker fragmentierten Arbeitsmärkten geführt (Kalleberg et al., 2003; Cappelli und Kellner, 2013; Eurofound, 2017, Neufeind et al., 2018). Zwar sind sich Forscher:innen, Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen in der Einschätzung einig, dass sich die Organisation der Arbeit und des Arbeitsmarktes radikal verändert hat. Es zeichnet sich jedoch noch kein kohärentes Bild hinsichtlich der mit dieser Entwicklung einhergehenden Implikationen ab. Dazu gehört auch die Frage, wie diese Veränderungen im Kontext bewährter Formen der Arbeitsmarktregulierung und des Sozialschutzes in Europa zu sehen sind oder diese vielleicht sogar zerstören (Bührmann et al., 2018; Neufeind et al., 2018).
Einige dieser Entwicklungen betreffen die in letzter Zeit zu beobachtende “Renaissance der Selbständigkeit”, das Entstehen von „Clickworking” in der Gig-Ökonomie und die Zunahme einer Vielzahl von nicht der Norm entsprechenden Beschäftigungsverhältnissen, ergänzt durch eine Zunahme so genannter „multipler”, „mehrfacher” oder „hybrider” Beschäftigung. In verschiedenen Ländern ist ein eindeutiger Trend hin zu diesen multiplen Arbeitsverhältnissen zu beobachten (Conen, 2020; Eurofound, 2020a). Interessant ist, dass trotz der offensichtlichen Prävalenz und der zunehmenden Relevanz multipler Arbeitsverhältnisse unser Verständnis moderner Formen multipler Arbeitsverhältnisse 1,2 und unser Wissen über ihre Einbettung in die institutionellen Rahmenbedingungen und über die Auswirkungen für einzelne Arbeitnehmer:innen nach wie vor eher begrenzt sind (Sliter und Boyd, 2014; Campion et al., 2020; Conen, 2020; Eurofound, 2020a). Der vorliegende Band von Transfer will dieses Wissensdefizit beheben und befasst sich mit heutigen Formen multipler Arbeitsverhältnisse in Europa. Haben sich Struktur, Natur und Dynamik der Mehrfachbeschäftigung im Laufe der Zeit verändert? Welche Folgen ergeben sich daraus im Hinblick auf die soziale Absicherung und die Arbeitsqualität? Welche Rolle spielen ein flexibler Arbeitsmarkt, der technologische Wandel und die Fragmentierung der Arbeit bei der Entwicklung multipler Arbeitsverhältnisse? Profitieren Mehrfachbeschäftigte von vergleichbaren und adäquaten Beschäftigungsbedingungen, Arbeitsbedingungen und sozialer Absicherung im Vergleich zu Beschäftigten mit nur einem Job, oder sind sie infolge ihrer (fragmentierten) Beschäftigungssituation schlechter gestellt?
Mehrfachbeschäftigung in der neuen Ökonomie
Generell gibt es zwei wesentliche und diametral gegenläufige Denkansätze in der Literatur, wenn es um die Auswirkungen der sich ändernden Art und Organisation von Arbeit geht. Auf der einen Seite lässt sich argumentieren, dass die sich ändernden Produkt- und Arbeitsmärkte, die Verbreitung der Informationstechnologie und Strategien des partizipativen Managements sowie eine Reihe anderer Faktoren zu einer Bereicherung der Arbeit und zu Verbesserungen geführt haben, von der sowohl die Arbeitnehmer:innen als auch die Arbeitgeber:innen profitiert haben. Dieser Standpunkt bezieht sich auf die postfordistische Literatur und Publikationen, die darin einen beidseitigen Gewinn sehen und dies damit begründen, dass die neuen Arbeitssysteme die Arbeitsqualität verbessert hätten, zum Beispiel im Hinblick auf intrinsische Belohnungen (wie schwierige Aufgabenstellung und Autonomie) und materielle Belohnungen (z. B. Vergütung). Im Gegensatz dazu verweist ein eher kritischer neofordistischer Ansatz darauf, dass (begrenzte) Vorteile, die sich evtl. für die Arbeitnehmer:innen ergeben haben, durch gestiegene Anforderungen an den Arbeitseinsatz und unsichere berufliche Perspektiven wieder zunichte gemacht werden. Die in letzter Zeit zu beobachtenden Veränderungen in den Arbeitsmärkten und in der Arbeitsorganisation haben zu höheren Arbeitsbelastungen geführt, und für viele Arbeitnehmer:innen haben sich die materiellen Bedingungen (wie Löhne und Beschäftigungssicherheit) verschlechtert (Handel, 2005; Kalleberg, 2009; Greenan et al., 2013).
Der Mehrfachbeschäftigung ist in diesem Kontext nur wenig Aufmerksamkeit zuteil geworden, obwohl es anscheinend Gemeinsamkeiten zwischen diesen eher generellen Sichtweisen und „traditionellen” Typologien hinsichtlich der Motivation gibt, mehreren beruflichen Tätigkeiten nachzugehen. Eines der beiden weiter gefassten Erklärungsmuster für die Entscheidung, mehrere berufliche Tätigkeiten auszuüben, bezieht sich auf die positive Grundannahme, dass Mehrfachbeschäftigung von Personen, die nach mehr Abwechslung und Herausforderungen suchen oder die ihre Beschäftigungsfähigkeit verbessern und beruflich aufsteigen wollen, als Chance begriffen wird (Heterogenitätsmotiv oder Opportunitätshypothese) (Jamal et al., 1998; Guest et al., 2006; Panos et al., 2014). Die zweite pauschale Erklärung für die Ausübung einer Mehrfachbeschäftigung sieht diese Entwicklung eher kritisch und weist darauf hin, dass wirtschaftliche Faktoren zunehmend als Determinante für Mehrfachbeschäftigung anzusehen sind (finanzielle Motive oder Deprivations-/Einschränkungshypothese). Diese Themenausgabe von Transfer hilft uns zu verstehen, welche dieser divergierenden Ansichten auf einer stärker aggregierten Ebene näher an der Realität ist, und wie sich Entwicklungen und Profile zwischen den unterschiedlichen Gruppen von Mehrfachbeschäftigten unterscheiden.
Zu Personen mit mehreren beruflichen Tätigkeiten zählen Beschäftigte mit anspruchsvollen Berufen (z. B. Softwareentwickler:innen, Akademiker:innen), die aus Heterogenitätsmotiven einen zweiten Job annehmen, aber auch Arbeitnehmer:innen in einer prekären (wirtschaftlichen) Lage, die allein aus finanzieller Notwendigkeit einer weiteren Arbeit nachgehen (Wu et al., 2009; Dickeyx et al., 2011). In diesem Band von Transfer analysieren wir den Status der Prekarität von Personen mit mehreren beruflichen Tätigkeiten und vergleichen diese Gruppe mit Personen, die nur einen Arbeitsplatz haben. Prekäre Beschäftigung ist bereits vielfach definiert, konzeptualisiert und untersucht worden und beinhaltet unterschiedliche Dimensionen (D’Amours und Crespo, 2004; Stone, 2006; Vosko, 2006; Kalleberg, 2011). Die Autorinnen und Autoren dieser Transfer-Ausgabe folgen einem multidimensionalen Denkansatz und befassen sich nicht nur mit (veränderten) materiellen Bedingungen (wie Verdienst und Armut), sondern auch mit nichtpekuniären Aspekten (wie Sicherheit, Autonomie, Erwerb neuer Fähigkeiten und Arbeitsintensität).
Die COVID-19-Krise hat dieser Thematik eine neue Dimension hinzugefügt. In den Medien wird heute regelmäßig darüber berichtet, wie viele Arbeitskräfte in atypischen Beschäftigungen – und besonders diejenigen mit mehreren Jobs und als „Selbständige” kategorisierten – aufgrund ihrer wenigen Rechte eine gefährdete Existenz führen. Viele von ihnen haben einen signifikanten Verlust ihres Einkommens und ihrer sozialen Sicherheit erlebt (Eurofound, 2020b: 8). Darüber hinaus ist damit zu rechnen, dass es aufgrund der dramatisch gestiegenen beruflichen Unsicherheit und der Kurzarbeit bzw. Arbeitslosigkeit nach der Schließung kompletter Wirtschaftszweige während der COVID-19-Pandemie eine weitere Zunahme von Mehrfachbeschäftigung als Teil der Überlebensstrategie der Betroffenen geben wird. Die Krise wirft ebenfalls ein Licht auf die ausgeprägten Ungleichheiten und Diskrepanzen in den Systemen der sozialen Sicherung. Zusätzlich zur empirischen Analyse der Arbeits- und Lebensbedingungen von Menschen mit mehreren Jobs untersuchen wir explizit den Zusammenhang zwischen Mehrfachbeschäftigung und Sozialschutz (vgl. auch Jerg et al., 2021).
Zu dieser Ausgabe von Transfer
Die Autorinnen und Autoren, die Beiträge für diese Themenausgabe geschrieben haben, gehören unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen an (Soziologie, Wirtschaft, Arbeitsbeziehungen, Business Administration-Human Ressource Management, Recht, öffentliche Verwaltung). Diese disziplinäre Vielfalt sorgt dafür, dass sich die Artikel durch ein weit gespanntes Spektrum an theoretischen und empirischen Einsichten auszeichnen. Das Vorkommen und die Qualität von Mehrfachbeschäftigung wird von institutionellen Bedingungen vorgegeben. Der institutionelle Kontext bestimmt nicht nur die Wahrscheinlichkeit, mehrere berufliche Tätigkeiten auszuüben, sondern ist ebenso entscheidend für die Frage, ob Mehrfachbeschäftigte mit ihren Tätigkeiten ein ausreichendes Einkommen erzielen können, und für die Frage, inwiefern diese Gruppe mit diversen sozialen Risiken konfrontiert wird. Dazu gehört das Risiko der Altersarmut, der Berufsunfähigkeit und der Arbeitslosigkeit. Dieser Band von Transfer enthält sowohl Artikel über sämtliche EU-Länder als auch Artikel, die sich schwerpunktmäßig mit einer ausgewählten Zahl von Ländern befassen und für die Länderexpert:innen die erforderliche Expertise beisteuern. Die Autor:innen arbeiten mit unterschiedlichen Forschungsmethoden, um die oben beschriebenen Wissensdefizite auszugleichen.
Wir beginnen mit einem Artikel von Conen und De Beer (2021), der die sich ändernden Ausmaße und Strukturen multipler Arbeitsverhältnisse in Europa analysiert. Ihr Artikel erweitert die bisher nur begrenzt zur Verfügung stehenden quantitativen empirischen Erkenntnisse über die sich ändernden Merkmale multipler Arbeitsverhältnisse und befasst sich mit der Frage, ob sich die ökonomisch prekäre Lage von Menschen im Laufe der Zeit verändert hat. Unter besonderer Berücksichtigung der Situation von Menschen in Mehrfachbeschäftigung und den für sie geltenden Trends im Vergleich zum „klassischen” Arbeitnehmer oder Arbeitnehmerin untersuchen sie Strukturen und Trends bei den Arbeitszeiten und gehen außerdem den Fragen nach, ob Arbeitnehmer:innen gern längere Arbeitszeiten hätten und ob sie trotz ihrer Beschäftigung von Armut bedroht sind. Zu diesem Zweck untersuchen sie Daten, die seit Anfang der 2000er Jahre im Rahmen der EU-Arbeitskräfteerhebung und der EU-Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen erfasst wurden. Ihre Ergebnisse zeigen, dass multiple Arbeitsverhältnisse ein signifikantes und um sich greifendes Phänomen in den Arbeitsmärkten zahlreicher hoch entwickelter Volkswirtschaften sind, wobei sich die Merkmale ständig ändern. Das gilt zum Beispiel für die geschlechtsspezifische Verteilung und die Kombination der zugrunde liegenden Arbeitsverträge. Die Armutsgefährdung von Erwerbstätigen ist in multiplen Arbeitsverhältnissen relativ hoch, aber die Ergebnisse belegen keinen negativen Trend.
Piasna et al. (2021) gehen auf das Thema der Arbeitsplatzqualität unterschiedlicher Berufstätiger in Europa ein. Sie untersuchen den Zusammenhang zwischen der Arbeitsplatzqualität der primären beruflichen Tätigkeit und der Bereitschaft, weiteren bezahlten Nebentätigkeiten nachzugehen. Die Analyse umfasst Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus 28 europäischen Ländern und verwendet Daten der EWCS (Europäische Erhebung über Arbeitsbedingungen) 2010-2015. Die Ergebnisse zeigen, dass Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, deren primäre berufliche Tätigkeit von wirtschaftlicher und beruflicher Unsicherheit geprägt ist, eher zur Ausübung einer weiteren bezahlten Nebentätigkeit neigen. Personen mit mehreren Tätigkeiten berichten über höheren Druck und häufigere unsoziale Arbeitszeiten in ihrer primären beruflichen Tätigkeit, aber auch über mehr Kontrolle und Flexibilität hinsichtlich ihrer Arbeitszeiten, mehr Autonomie und mehr Möglichkeiten, eigene Kompetenzen zur Geltung zu bringen; letzteres lässt sich in erster Linie durch Faktoren der Zusammensetzung der Arbeitnehmerschaft und ihrer Arbeitsplätze erklären. Es ist weiterhin evident, dass Personen mit mehreren Tätigkeiten ganz unterschiedliche Arbeitserfahrungen machen und diese Personen auf Basis der Qualität ihrer primären beruflichen Tätigkeit in sechs Cluster eingeteilt werden können. Das deutet darauf hin, dass die Ausübung mehrerer beruflicher Tätigkeiten durch unterschiedliche Motivationen und Faktoren bestimmt wird. Schließlich konnten sie länderübergreifend eine beträchtliche Bandbreite der Arbeitsplatzqualität bei Personen mit mehreren beruflichen Tätigkeiten feststellen, wobei die negativsten Ergebnisse in den stärker segmentierten Arbeitsmärkten mit einem hohen Anteil atypischer Beschäftigungsverhältnisse zu finden sind.
Ilsoe et al. (2021) befassen sich mit der Rolle der digitalen Plattform-Ökonomie. Sie weisen darauf hin, dass die Mehrfachbeschäftigung innerhalb der digitalen Plattform-Ökonomie weit verbreitet ist. In welcher Weise die Nutzung digitaler Plattformen und der konventionelle Arbeitsmarkt ineinandergreifen, wurde bisher jedoch kaum untersucht. Ihre Analyse beschreibt neue Erkenntnisse über diese Interaktion und befasst sich mit der Frage, welches Einkommen Personen erwirtschaften, die Erwerbsarbeit im konventionellen Arbeitsmarkt durch Einnahmen ergänzen, die sie auf verschiedenen digitalen Plattformen erzielen. Auf der Grundlage zweier groß angelegter repräsentativer Befragungen mit einer Stichprobe von 18.000 Personen in den Jahren 2017 und 2019 in Dänemark in Kombination mit Daten aus Verwaltungsregistern zeigen sie, wie arbeits- und kapitalbasierte Plattformen jeweils unterschiedliche Einkommensgruppen ansprechen. Sie haben ebenfalls festgestellt, dass Online-Einkommen in Verbindung mit traditionellen Einkommensmodellen Segmentierungstrends verstärken, die im konventionellen Arbeitsmarkt zu beobachten sind. Eine wachsende Zahl sowohl wohlhabender als auch weniger gut situierter Personen scheint andere Plattformen als der Durchschnittsverdiener zu nutzen, wobei sich eine Hierarchie von Arbeitsmarktsegmenten sowohl in den Online- als auch auf den konventionellen Arbeitsmärkten abzeichnet. Ihre Ergebnisse deuten auch an, dass Mehrfachbeschäftigung in der Plattform-Ökonomie eher das Potenzial haben könnte, die Segmentierung des Arbeitsmarktes zwischen digitalen Plattformen und dem konventionellen Arbeitsmarkt zu überbrücken als weiter zu vertiefen. Dies könnte ein Weg sein, Einkommensdiskrepanzen zu entschärfen und die Aufwärtsmobilität derjenigen zu verbessern, die Probleme auf dem konventionellen Arbeitsmarkt haben.
Während es bei den hier aufgeführten Artikeln um eine Beschreibung moderner Formen multipler Arbeitsverhältnisse geht, leisten Conen und Stein (2021) einen Beitrag zur Fachliteratur über die finanziellen und nicht-finanziellen Folgen eines kürzeren oder längeren Wechsels in die Mehrfachbeschäftigung für die Erwerbsbiographie von Arbeitnehmer:innen. Sie ergänzen damit die dynamischen Analysen der Mehrfachbeschäftigung, aus denen sich tiefere Erkenntnisse über diverse Mechanismen und Determinanten für die Unterschiedlichkeit der Ergebnisse gewinnen lassen und die auch Antworten auf die Frage geben können, ob es sich bei der Mehrfachbeschäftigung nur um eine Episode oder um einen dauerhaften Zustand handelt. Ist der Wechsel in die Mehrfachbeschäftigung ein Zeichen für eine Aufwärts- oder Abwärtsmobilität von Löhnen? Wie beeinflusst dieser Wechsel die Zufriedenheit mit der beruflichen Tätigkeit und das Wohlergehen? Wie lange arbeiten Menschen in Mehrfachbeschäftigung? Conen und Stein wollen die Forschung in diesem Bereich außerdem verbessern, indem sie die Diversität innerhalb der Gruppe gründlicher untersuchen und explizit auch die Auswirkungen flexibler Arbeitsmodelle und die Zusammensetzung der Haushalte auf die Ergebnisse miteinschließen. Zu diesem Zweck analysieren sie Paneldaten aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden für den Zeitraum 2002 bis 2017. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung wirtschaftlicher Faktoren für die Entscheidung, mehrere berufliche Tätigkeiten auszuüben, und zeigen, dass der Arbeitsmarktkontext eine wichtige Rolle für die Ergebnisse spielt. Die Paneldaten lassen außerdem negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden derjenigen erkennen, die mehrere berufliche Tätigkeiten ausüben und Kinder haben. Für den überwiegenden Anteil der Arbeitnehmer:innen ist die Mehrfachbeschäftigung eher eine kurzfristige Episode. Daraus ergibt sich die Frage, ob diese Zeiten der multiplen Arbeitsverhältnisse als nachhaltig bereichernd oder belastend erlebt werden oder einfach nur ein kurzes Intermezzo in der gesamten Erwerbsbiographie sind.
Bei einer parallelen beruflichen Tätigkeit in zwei oder drei Jobs muss auch gewährleistet sein, dass die Systeme der sozialen Absicherung einen adäquaten Schutz für die betroffenen Arbeitnehmer:innen garantieren. Die Bedarfslage von Personen mit mehreren beruflichen Tätigkeiten unterscheidet sich von Personen, die einer konventionellen Beschäftigung nachgehen oder selbständig sind. Aktuelle Entwicklungen im Kontext der sich entwickelnden Plattform- und Gig-Ökonomie verstärken diesen Trend zusätzlich. Im Rahmen der Untersuchung, wie gut sich die Systeme der sozialen Absicherung auf die Bedürfnisse von Mehrfachbeschäftigten einstellen, basiert der Artikel von Jerg et al. (2021) auf Fallstudien aus Deutschland, Dänemark und dem Vereinigten Königreich. Darüber hinaus gehen sie ausführlich auf die jüngsten, während der COVID-19-Pandemie verabschiedeten politischen Maßnahmen ein, die Lücken im Sozialschutz in diesen Ländern schließen sollen. Abschließend beschreiben sie die Auswirkungen nationaler politischer Maßnahmen und ihrer Auswirkungen auf die EU im Kontext der Frage, wie eine Reform der sozialen Absicherung von Personen in Mehrfachbeschäftigung aussehen sollte. Damit ergänzt dieser Artikel die Literatur über neue Formen der Beschäftigung im digitalen Zeitalter und über die damit verbundenen Anforderungen an den Sozialschutz sowie die Literatur über politische Antworten auf die COVID-19-Pandemie.
Abschließende Bemerkungen
Die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe von Transfer gehen von der Beobachtung aus, dass Mehrfachbeschäftigung in zahlreichen modernen Volkswirtschaften auf dem Vormarsch ist, der Kenntnisstand über moderne Formen der Mehrfachbeschäftigung jedoch nach wie vor relativ begrenzt ist. Insgesamt vertiefen die Beiträge in dieser Themenausgabe unser Wissen über das Vorkommen, die unterschiedlichen Ausprägungen und die Auswirkungen moderner Formen der Mehrfachbeschäftigung. Arbeitsmarktflexibilität, technologische Entwicklungen und die Fragmentierung der Arbeit sind Teil der Debatte über die Motive und die Mobilität von Personen mit mehreren beruflichen Tätigkeiten. Die Artikel regen zu einer neuen Betrachtung der Mehrfachbeschäftigung an und berücksichtigen dabei den Kontext eines sich verändernden Arbeitsmarktes und einer sich wandelnden Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung der Herausforderungen an die soziale Absicherung.
Footnotes
Finanzielle Förderung
Diese Forschungsarbeit wurde von der Hans-Böckler-Stiftung im Rahmen des Forschungsprojekts „Hybridisation of Work: Structure and Dynamics” finanziell unterstützt.
