Abstract

Das zu besprechende Werk ist das Resultat eines Kurses des Autors an der Brown University mit dem expliziten Anspruch, jedenfalls nach dem Werbetext auf der Kladde, „most up to date work“ zum Thema altägyptische Phonologie zu sein. Der Autor selbst sieht sich, seinem Vorwort nach (S. vii–x), in Parallele zu forschungsgeschichtlichen Entwicklungen innerhalb der Paläontologie, der mit seinem Werk die bisherigen Darstellungen des Themas als „Reptilien“ auf ein neues Niveau der „Vögel“ hebt. Da eine ausführliche Rezension des Buches durch Carsten Peust bereits erschienen ist, 1 kann ich mich hier weitgehend auf andere Beobachtungen beschränken.
Zuerst zum Aufbau des Buches: Das Werk ist in zwei Teile gegliedert, an die sich zwei Anhänge anschließen, gefolgt von Bibliographie, Stellen- und Sachindex. Nach der schon angesprochenen Einleitung werden im ersten Teil (Phonemes and Phones), beginnend mit der jüngsten Sprachstufe, dem Koptischen, die Phonemsysteme dargestellt (Kapitel 1, S. 3–22). Auf den ersten Blick mag dies unkonventionell erscheinen, doch kann der Rez. diesem Vorgehen auch außerhalb eines didaktischen Zuganges viel abgewinnen, da, wie der Autor festhält „Coptic … phonologically the most transparent stage of the language“ ist (S. 3) und somit der Erstzugang bei jeglicher Rekonstruktion des Phonemsystems sein sollte. Die diachronen Schichten folgen auf den ersten Blick (die Klassifikation ist nicht ganz deckungsgleich, besonders beim älteren Ägyptisch) der ägyptologisch üblichen Spracheinteilung in Demotisch (Kapitel 2, S. 23–33), Neuägyptisch (Kapitel 3, S. 35–48), Mittel- (Kapitel 4, S. 49–58) und Altägyptisch (Kapitel 5, S. 59–72); also weiter von jünger zu älter. Kapitel 6 stellt die Phoneme und Phone in einer Gesamtübersicht dar (S. 73–84). Die Kapitel 7 (S. 85–94) und 8 (S. 95–107) widmen sich Phänomenen der Phonotaktik (z. B. Silben- und Wortaufbau) und Prosodie (wie Wort- und Satzbetonung), während das letzte Kapitel von Teil I einen kursorischen Überblick über dialektale Varianzen vornehmlich des Koptischen gibt (S. 109–17). Teil II des Buches ist überschrieben Phonological Analysis und bietet verschiedene Kapitel zur Rekonstruktion der Morphologie älterer Sprachstufen des Ägyptischen, in denen aufgrund des keine Vokale notierenden Schriftsystems die Formen und Muster meist aus der (oft nur rudimentär vergleichbaren) koptischen Überlieferung derselben erschlossen werden müssen. Diese enthalten Beschreibungen zur Bildung von Verbalwurzeln und -stämmen (Kapitel 10, S. 121–30) sowie Verbalformen (Kapitel 11, S. 131–44) und den mit Doppelschilfblatt in den Pyramidentexten markierten Formen (Kapitel 12, S. 145–60). In Kapitel 13 (S. 161–79) versucht der Verfasser, ägyptische Texte verschiedener Sprachformen zu vokalisieren. Appendix A (S. 181–94) bespricht in wissenschaftshistorischer Reihenfolge acht bisherige Studien zu Phonologie von Albright aus dem Jahr 1923 bis Peust aus dem Jahr 1999, mit einigen einleitenden Seitenhieben auf die Berliner Schule und Gardiner, die in ihrer Tonalität den Boden für die sich anschließenden Beschreibungen bereiten. In Appendix B beschreibt Allen seine Ideen zu einer neuen ägyptologischen Transliteration (S. 195–204). Zwar füllt die Bibliographie (S. 205–15) elf Seiten, allerdings mit 83 großzügig formatierten Einträgen, von denen eine gewisse Anzahl auch noch Texteditionen sind. Hierzu hat bereits Peust festgestellt, dass man dort einiges an grundlegenden Werken vermisst, die er in seiner Rezension nachgetragen hat. 2
Wie erwähnt ist der Zugang, mit dem Koptischen zu beginnen und dann Ergebnisse zurück zu projizieren, unbedingt zu begrüßen. Auch findet es der Rez. lobenswert, sich von wissenschaftshistorischem Ballast zu befreien wie z. B. von der Ansprache des durch die Hieroglyphe
repräsentierten Phonems als Liquida (bei Allen als /l/ angesetzt) statt wie bislang als glottaler Plosiv /Ɂ/, dessen Phonem-Existenz im Ägyptisch-Koptischen Allen einerseits völlig bestreitet (S. 77) und andererseits durch die Hintertür wieder einführt, siehe Peust, LingAeg 28 (2020), 337. Das arealtypologisch sonst breit belegbare Merkmal [+stimmhaft] erklärt Allen für nicht ursprünglich im Ägyptischen (S. 69), was bei den Obstruenten (Plosive, Frikative und gegebenenfalls Affrikaten, so man diese denn ansetzen will) das jeweilige Artikulationsortset auf zwei Vertreter reduziert.
3
Bei Allen (S. 83–4) unterscheiden sich die Obstruenten in den meisten Sprachstufen durch das Merkmal [±Aspiration].
Eingangs (S. 6 Anm. 5) wird dem Leser mitgeteilt, dass die vorliegende Studie die Symbole des International Phonetic Alphabets (kurz IPA) gebrauchen würde. Dem ist leider im Detail nicht wirklich so. Zum einen muss man Allens Phonemtranskription, meist in schrägen Klammern, also per / / notiert, davon trennen, da er hier offenbar versucht, ein ägyptologisch kompatibles System ohne allzu viele Zusatzzeichen einzuführen. In diesem werden dann Zeichen wie /
Misslich ist nach Ansicht des Rez. die Vermischung von phonologischen und phonetischen Kategorien und graphischen Phänomenen, e.g., S. 21 „Regardless of how they may have been realized phonetically, doubles vowels are not phonemic“. Naturgemäß kann man auf gewisse phonetische Merkmale eines Phonems schließen, doch auf die phonetische Realisierung haben wir nun mal keinerlei Zugriff. Artikulatorisch mag die Kombination mehrerer sekundärer Merkmale wie im auf S. 9, 32, 48, 58 und 72 angesetzten [thj] (was nach IPA ein alveolarer Plosiv mit Aspiration und Palatalisierung wäre) für das Graphem <ṯ> respektive Bohairisches ϭ nicht unmöglich sein, doch die UPSID-Datenbank 4 liefert gerade mal 7 Sprachen 5 mit Konsonanten, die gleichzeitig aspiriert und palatalisiert sind. 6 Auch eine Suche in der Datenbank Phoible 7 ergibt nur unwesentlich höhere Frequenzen für [thj]. Hier wäre die am nächstgelegene Sprache Bulgarisch! Aber vielleicht muss einen dies auch nicht stören, denn der allgemein weitestgehend akzeptierte Ansatz von<ẖ> als graphischem Repräsentanten des palatalen Frikativs /ç/ findet seinen geographisch nächsten Niederschlag auch erst im Niger (Tedara). Wie dem auch sei, stellt sich doch die Frage, ob es Sinn macht, für eine nicht in abhörbaren Sprachaufnahmen überlieferte Sprache derart marginale Laute zu postulieren. 8
Unschön findet der Rez. eine gewisse sprachliche Unschärfe bei der Beschreibung, wie z. B. auf S. 5 „…the grapheme ⲓ is also spelled ⲉⲓ, …“, was zu der Frage führt, ob Schreiber des Koptischen eine wie auch immer abstrakte Graphem-Idee als Grundlage ihres Schreibens hatten oder mit Formen wie Wortgestalt oder ähnlichem operierten. Gelegentlich sind Sachverhalte auf eine Art und Weise beschrieben, dass man fälschlicherweise den Eindruck gewinnen könnte, der Autor ginge von einer 1:1-Korrespondenz zwischen Graphem und Phonem aus. Ein weiteres Beispiel wäre auf S. 8 „ⲃ alternates with ⲡ and varies with ϥ and ⲟⲩ“, was in seiner formulierten Absolutheit den Eindruck macht, als wären die genannten Buchstaben in koptischen Texten jederzeit austauschbar. Nun sind gewisse Spannbreiten in der graphischen Repräsentation besonders in koptischen dokumentarischen Texten ein zwar bekanntes Phänomen, doch gibt es z. B. selbst in jener Textsorte keine Wiedergaben des Wortes ⲃⲱⲕ „gehen“ als ⲡⲱⲕ, ϥⲱⲕ oder ⲟⲩⲱⲕ. An wieder anderer Stelle (S. 20) heißt es lapidar „The stops are distinguished by palatalization as well as aspiration; a similar distinction can be used to describe the difference between /s/ and /š/“. Was immer Grundlage der Annahme sein mag, dass die beiden letztgenannten Frikativlaute über die Merkmale [±Aspiration] und [±Palatalisierung] verfügten, erschließt sich nicht aus der Wiedergabe durch /s/ und /š/ (in der Annahme des Rez. Allens /š/ steht für /ʃ/), da diese im Rahmen der IPA-Notation weder das eine noch das andere sind, oder anders ausgedrückt, beide sind nicht-aspiriert und nicht-palatalisiert; es sei denn Allen versteht sein /š/ als durch Palatalisierung aus /s/ entstanden, aber auch dann bliebe die Unschärfe der Beschreibung ein Problem. Aspirierte alveolare Frikative (also z. B. /sh/) sind arealtypologisch ungewöhnlich, und nur für Cross River Mbembe/Nigeria in der Phoible-Datenbank außerhalb Asiens und Mesoamerikas belegt. Bei Affrikaten ist Aspiration häufiger zu beobachten, könnte aber ein Merkmal sein, das durch das plosive Element eingebracht wurde. Etwas besser sähe es für /sj/ aus, mit Bench in Äthiopien als Sprache mit einem solchen Laut in der Nähe.
Gelegentlich würde man eine systemhaftere Beschreibung erwarten, wie im Kapitel zur Prosodie (S. 95–107), dem man leider nur eine positivistische Beschreibung von beobachtbaren Akzentzuweisungen entnehmen kann, aber keine forschungsgeschichtlich gut etablierten Regeln.
Besonders deutlich wird dies alles auch noch mal an der Übersicht auf den S. 83–84. Die Unterscheidung in koronale und palatale Laute beruht auf unterschiedlichen Kategorien, denn auch am Palatum erzeugte Laute zeichnen sich durch den Einbezug des vorderen Zungenteils aus. Zudem löst sich der Autor nur schwer von der graphischen Seite des Problems, was z. B. durch das Auftauchen von gleich zwei koronalen (lateralen) Approximanten versinnbildlicht wird. In gewissen Umgebungen entwickelt sich der ursprünglich mit
wiedergegebene Laut zu einem palatalen Gleitlaut oder Vokal, aber es wird kaum anzunehmen sein, dass das Phonem /l/ erst ganz aus dem System ausgestoßen wird (nach dem Mittelägyptische laut Allens Liste), im Neuägyptischen fehlt, um dann im Demotischen neu eingeführt zu werden. Einfacher wäre wohl anzunehmen, dass der Laut immer vorhanden war, aber es eine Anpassung der graphischen Repräsentation gab. Generell wäre eine Auflistung nach Artikulationsort und -art übersichtlicher gewesen, auch wenn dies schwerer in eine einzelne Übersicht zu bringen gewesen wäre, dennoch sei es hier versucht, jeweils übertragen in IPA-Zeichen (auch auf die Gefahr hin, Allen partiell missverstanden zu haben; nebeneinanderstehende Paare sind nicht [±stimmhaft], sondern [±aspiriert], bei den alveolaren Frikativen aus Platzgründen dental || alveolar || postalveolar abgetrennt):
Oder, wenn man sich beschreibungstechnisch eher im Rahmen der Merkmalsgeometrie verorten möchte:
Das Konsonantensystem hatte also 24 Phoneme (wenn man Allens /l/ nur einmal ansetzt) in 6 Artikulationsarten and 7 Artikulationspositionen, von denen 3 mit der Zeit verschwanden (θ fällt zusammen mit s, h mit ħ und ç mit x, siehe dazu unten) gegenüber den meist sonst angesetzten 26 (die meist dann im Koptischen auf 25 reduziert angesetzt werden, z.B. Loprieno, Ancient Egyptian, 33 bzw. 40).
Im Bereich der Vokale setzt Allen in einer älteren Phase (3.–2. JT v. Chr.) ein System aus drei Vokalen an (links), aus denen sich dann bis ins Koptische sieben Vokale (der achte Vokal unten in der Auflistung beschränkt sich auf unbetonte Silben) 9 durch Aufspaltungen und Verschiebungen entwickeln (rechts), die allerdings in seinem System allophone Varianten von drei Phonemen sind:
Die allophonen Varianten von Phase II unterschieden sich in seinem System zusätzlich durch das sekundäre Merkmal [±Gespanntheit], 10 oben per + markiert. Diese scheinen, ganz eindeutig wird das leider nicht 11 , Allens Basisphoneme zu sein, die dann positionsabhängig in geschlossenen Silben das Merkmal [+gespannt] verlieren und in der Artikulationsposition nach unten verschoben werden 12 respektive nach einem Nasal nach oben 13 .
Details: S. 4: Etwas seltsam mutet der Umstand an, dass in der Tabelle keinerlei Phonementsprechungen zu den Graphemen gegeben werden, was des Koptischen oder Griechischen kundige Leser vielleicht weniger stört, aber in einem vielleicht auch für Anfänger gedachten Handbuch nur kursbegleitend aufgefangen werden kann.
S. 10 unten Phonotactics: Zwar gibt es Texte mit der Variante ⲣⲙϯⲙⲉ (z. B. bei Lk 15:15, siehe die bei Horner notierten Varianten), doch scheint die normale (und grammatisch erwartete) Form ⲣⲙⲛϯⲙⲉ zu sein. 14
S. 14: Dass Bohairisches ⲙⲱⲓⲧ „Weg“ eher nicht als /mo.it/ zu syllabifizieren ist, zeigt die nicht zur Anwendung kommende Regel o > u: N_. Stattdessen dürfte hier die Annahme eines Anhebungsprozesses in Diphthongen, wie vom Rez. vorgeschlagen,
15
der einfachere Weg sein. Demgegenüber wäre ⲉⲣⲟⲓ dann in Parallele zu ⲉⲣⲟⲕ, ⲉⲣⲟϥ, ⲉⲣⲟⲥ etc. als
S. 15: Unklar ist dem Rez. die Aussage „In Bohairic, the alternant pairs of ⲑ:ⲧ, ⲫ:ⲡ, ⲭ:ⲕ, as well as ϭ:ϫ, represent six phonemes: /t/:/d/, /p/:/b/, /k/:/g/, /
S. 20: Die Existenz von ⲣ in fayumischen Wörtern ohne den dialekttypischen Lambdazismus wie Fⲉ/ⲁⲣⲱϯ „Milch“, Fⲣⲉ „Sonne“, Fⲣⲣⲁ „König“ oder Fϣⲁⲣⲡ „erster“ 16 könnte auch als Indiz für zwei verschiedene rhotische Laute herangezogen werden. 17
S. 28: Wie Peust, LingAeg 28 (2020), 348, würde auch der Rez. aus dem Zusammenfall von <h> /h/ und <ḥ> /ħ/ nicht unbedingt schließen wollen, dass koptisches ϩ das Phonem /ħ/ repräsentiere. Vielleicht war demotisches <ḥ> einfacher zu schreiben.
S. 33: Das Argument der Nichtmarkierung der Aspiration in der Schrift scheint wenig überzeugend, da z. B. das Englische dies ja auch nicht markiert und trotzdem über das Merkmal verfügt.
S. 35: Der Mangel an Distinktion zwischen <d> und <t> im Hieratischen, der vom Verfasser als Indiz für einen partiellen Zusammenfall beider hinterliegender Phoneme taxiert wird, würde dann aber auch für <r> gelten müssen, das je nach Schreiber recht ähnlich zu den beiden erstgenannten Zeichen ausfällt. In der Gruppenschrift (bzw. syllabischen Orthographie) wird weiterhin zwischen <d> und <t> unterschieden (siehe die Auflistung auf S. 37–38), also wird es beide Laute noch gegeben haben. Zwar ist die Mehrzahl der neuägyptischen Texte Hieratisch, aber gelegentlich finden sich dann doch auch hieroglyphische Texte wie auf den DeM-Stelen, in denen die Zeichen <d> und <t> nicht wahllos austauschbar scheinen.
S. 41: Ebenfalls mit Rekurs auf die im Neuen Reich gebräuchliche Gruppenschrift, die ja nicht nur zur Wiedergabe neu ins System einzubauender Wörter ohne klassische Schreibung dient, sondern auch gebraucht wird, um gelegentlich die Differenz zwischen klassischer Graphie und Lautwandel aufzufangen, würde der Rez. hingegen für den Zusammenfall der beiden Frikative hinter den Graphemen <ḫ> und <ẖ> in /x/ schon im Neuen Reich argumentieren, da für <ẖ> kein eigenes Gruppenschriftgraphem gebräuchlich ist. Im Systemzwang zu seinem Ansatz der Plosive legt sich Allen auf /xj/ für <ḫ> und /x/ für <ẖ> fest, d. h., der durch <ḫ> repräsentierte Frikativ ist der weiter vorn artikulierte. Dem widerspricht allerdings die allgemeine Beobachtung, dass ab der 5. Dynastie <ẖ> als neues Graphem eingeführt wird und für Wörter, die vorher mit <š> geschrieben werden, jetzt <ẖ> gebraucht wird (S. 68–69); allerdings wird ebenda genau die entgegengesetzte Identifikation gegeben, d. h. im Altägyptischen sei <ḫ> /x/ gewesen und <ẖ> /xj/.
S. 46: Obschon von Peust LingAeg 28, 337–48, bereits herausgestrichen, sei hier noch einmal explizit vermerkt, dass Mittelbabylonisch den Unterschied zwischen /i/ und /e/ nicht graphisch markieren kann. Allein die moderne assyriologische Umschrift passt die jeweiligen Silbenzeichen wie DI, NI oder ähnlich entsprechend an.
S. 68–69: In Allens Beschreibung der Situation der in der mittleren Mundhöhle gebildeten Frikative ergibt sich die Situation, dass der palatale Frikativ in allophoner Verteilung ab der Mitte des 3. Jahrtausends vor Christus palatal bzw. retroflex/koronal realisiert wird und demnach mit <ẖ> oder <š> wiedergegeben wurde, doch mit der Zeit das originale Graphem des hinteren der beiden Frikative für die neue retroflexe/koronale Artikulation (also <š> für /ʂ/ bzw. /ʃ/) gebraucht wird, während für den originalen Laut ein neues Graphem eingeführt wird (also <ẖ> für /ç/). Dies ist prinzipiell auch der Zugang Kammerzells, 18 der zudem parallel zu anderen Palatalisierungsprozessen aus dem hinteren Bereich der Mundhöhle passt. Allerdings könnte man sich fragen, ob aufgrund der Graphemzuweisung der Prozess an dieser Stelle nicht umgekehrt stattgefunden haben könnte, also /ʂ/ bzw. /ʃ/ sich aufspaltete in /ʂ/ ~ /ʃ/ und /ç/ und somit für den neuen Laut ein Zeichen gefunden werden musste.
S. 74: Die Aussage „… that the late phonemic correspondent of /a/ was /a/ rather than /o/ and that rounding to ⲟ/ⲱ was a secondary feature“ erweckt den Anschein, dass der primäre Unterschied zwischen /a/ und /o/ in der Lippenrundung bei der Artikulation des Vokals bestünde. Abgesehen davon, dass über den phonetischen Status des Phonems /o/ im Ägyptisch-Koptischen keine Aussagen möglich sind, ist Lippenrundung zwar ein artikulatorisches Hauptmerkmal, aber dem Artikulationsort nachgeordnet. Die Aussage ist zwar nicht falsch, aber ein weiteres Beispiel für unglücklich formulierte Beobachtungen.
S. 75: Dem Rez. ist unklar, wie ein phonetisches Merkmal (hier Aspiration) allographisch sein kann.
S. 84: Laut der Tabelle soll das konventionell <c> transkribierte Zeichen einen laryngalen (also glottalen oder pharyngalen) Approximanten wiedergeben, für den der Verfasser die phonetische Transkription [ˤ] angibt. Die IPA-Notation kennt allerdings in diesem Bereich kein Symbol bzw. werden dort die glottalen Approximanten durch Grauhinterlegung des entsprechenden Feldes als Artikulation markiert, die als unmöglich erachtet wird.
S. 91: Zu klären wäre, ob Ägyptisch ḫȝḫ eine eigenständige Wurzel ist oder eine Ableitung von einer Wurzel ḫȝ.
S. 92–93: Man vermisst hier eine Regelbeschreibung für den Erhalt von auslautendem t vor Suffix, statt nur einer Befundaufnahme. Offenkundig ändern sich durch den Anschluss des Suffixpronomens die Silbenstrukturen des entsprechenden Wortes, so dass das vorher silbenschließende t nun am Anfang einer Silbe steht.
S. 110–11: Siehe zur Position des Saidischen jetzt Peust, LingAeg 28, 191–232.
S. 131–35: Zur Bildung der Stativformen erfährt man, dass diese aus dem Verb plus einem Kongruenzmorphem bestehen: „The Egyptian stative consists of the verb plus an obligatory pronominal suffix.“ 19 Nach der Präsentation von im Koptischen erhaltenen Formen hält Allen fest, dass ein als [a] zu rekonstruierender Vokal in der Silbe vor dem Kongruenzmorphem auftaucht (bei Allen „suffix“) (S. 133, die ebenda gemachte zweite Feststellung ist für das Folgende irrelevant). Daher rekonstruiert er auf S. 134–35 die Stativformen wie folgt (linke Spalte). Rechts davon werden vom Rez. die morphologischen Elemente angegeben, aus denen die Form hervorgegangen ist: 20
Allerdings haben sich im Koptischen nur Formen der ursprünglich
a) von einer Grundform der verbalen Basis als ħatp- ausgehen, die durch einen Sprossvokal vor dem letzten Radikal zu ħatap- erweitert wird, oder aber
b) von einer Grundform ħatap- mit gelegentlicher Vokaltilgung (ħatp-).
Wie dem auch sei, zwei verschiedene Basen erwecken in einem System mit Ableitungen von einer Wurzel durch Vokalmodifikation Argwohn, auch wenn man, wie der Verfasser, das Ägyptische zu einer weniger semitisch aussehenden Sprache machen möchte. Dem Rez. scheint es wahrscheinlicher, dass morphologisch alle Formen von einer einzigen (abstrakten) Verbalbasis gebildet werden, deren Oberflächenform sich durch den Antritt des Kongruenzmorphems ändert, da es durch das Maximum-onset-principle 21 zu Änderungen in der Silbenstruktur kommt.
Im Folgenden seien verschiedene Modelle verglichen, mit denen die unterschiedlichen Oberflächenformen abgeleitet werden könnten (Modell 1 mit der Grundform ħatp- und Modell 2 mit ħatap-). Diese sind von links nach rechts zu lesen. In der ersten Spalte sind die zu Grunde liegenden morphologischen Formen angegeben. In der zweiten Spalte ist die Silbenbildung 22 und die Synkope in morischen Füssen simuliert, bei der CV.CV-Silben zu CVC verkürzt werden. Spalte drei enthält die zu erwartende Oberflächenform mit der zu erwartenden Betonung, die nach dem Zweisilbengesetz auf die erste morisch schwere Silbe links von der letzten fallen sollte, und Spalte vier die von Allen angesetzte Form zum Vergleich. Dabei weist die Gleichsetzung = auf eine zu Allens Rekonstruktion identische Form, bei (=) stimmt die betonte Silbe und bei ≠ die Formen nicht überein.
In Modell 1 (Grundform ħatp-) müssen bei Konsonantenklustern Sprossvokale eingefügt werden, die unten per Unterstreichung der
Bei Ansatz von Modell 2 mit einer Grundform ħatap- erhält man folgenden Formen:
Wären Allens Formenansetzungen reale Muster, wäre die obige Übung geeignet zu zeigen, dass der Grundansatz einer von der Wurzel abgeleiteten Verbalform falsifiziert wurde. Die wenigsten Übereinstimmungen zeigt Modell 2 (Form ħatap-), die nur bei der
Sprachökonomisch dürfte Modell 2 zu bevorzugen zu sein, da man folgende abstrakte Regel zu Stativbildung formulieren könnte: Von der Wurzel wird ein Nominalstamm durch Vokaleinschub a zwischen jeweils Radikal 1 und 2 sowie 2 und 3 erzeugt, an den dann die Kongruenzmorpheme angehängt werden. Von diesem Nominalstamm wäre dann auch der Infinitiv gebildet worden. Für die Bildung könnte man die entsprechenden Oberflächenformen durch Kürzung von CV.CV-Silben zu CVC in einem morischen Fuß erzeugen und müsste nicht wie bei Modell 1 für die Muster der 2. Person bzw. der 3. Person feminin Singular mit der Annahme von Sprossvokalen arbeiten. Wollte man auch die Partizipien von einem gemeinsamen Stamm bilden, würde sich hingegen eher ein Verbalstamm des Typs ħatp- wie in Modell 1 anbieten, von dem man dann durch zusätzliche Vokalisation die Basisformen von Infinitiv, Stativ und Partizip bilden könnte, an die sich dann die Kongruenzmorpheme anschließen und so die Oberflächenformen bilden: 23
Verbalwurzel > Wurzelableitung > Nominalstamm > Stativ > Formenbildung > Silbenstruktur > Akzentzuweisung > Oberflächenform.
Am wahrscheinlichsten wäre dann Modell 2 oben, da man systemökonomisch von einer Form ausgehen kann und ohne zusätzliche Regeln wie Vokaleinschub auskommt, nur mit der von Peust demonstrierten Anpassung der Form der 3. Maskulin Singular. Für die anderen Formen wurden der Einfachheit halber Allens morphologische Ansätze übernommen. 24 Daher würde der Rez. folgende Formen postulieren wollen:
Abschließend fragt sich der Rez. grundsätzlich, ob man Allens Buch bedenkenlos interessierten Ägyptologen oder Phonologen in die Hand geben kann, wobei der Rez. eher zu einem negativen Ergebnis kommt. Für den ägyptologischen Leser wird zu wenig phonologische Anleitung geboten, die, ohne irgendwem zu nahe treten zu wollen, eher nicht im Rahmen eines ägyptologischen Kurses aufzufangen sein dürfte, während es für Leser aus dem Bereich der Phonologie zu idiosynkratisch sein dürfte, da wie oben angemerkt, die Verwendung von Begriffen und Transkriptionszeichen nicht deckungsgleich ist. An manchen Stellen hätte dem Buch mehr Konjunktiv gutgetan, aber das mag dem Umstand des intendierten Gebrauchs als Lehrmittel geschuldet sein, da man in der Textsorte naturgemäß apodiktischer formuliert. Immerhin liefert das Buch genügend Anreize, sich mit „der Problematik“ der Rekonstruktion der ägyptisch-koptischen Phonologie auseinanderzusetzen. Zugleich illustriert die Publikation Allens, dass die ägyptologische Phonologiediskussion vielleicht noch nicht ganz auf dem von ihm angestrebten Level der Paläontologie ankommen ist.
Footnotes
1.
C. Peust, review of J. P. Allen, Ancient Egyptian Phonology (Cambridge, 2020), LingAeg 28 (2020), 333–53.
2.
Peust, LingAeg 28, 350–3.
3.
So wird die Beschreibung partiell einfacher, da man nicht den sukzessiven Verlust eines jeweiligen stimmhaften Vertreters annehmen muss; allerdings muss man zumindest bei dem dem Koptischen ⲃ zugrunde liegenden Laut von hoher Stimmbeteiligung ausgehen, da er einen Silbengipfel bilden kann.
5.
Das sind 1.55% der in der Datenbank aufgenommenen Sprachen, wobei von den sieben nur Igbo/Nigeria in der „Nähe“ liegt, sodass man schwerlich mit Arealtypologie wird argumentieren können.
6.
Diese machen 0.44% aller in der Datenbank notierte Laute aus.
8.
Es sei denn, an der Stelle ist der palatale Plosiv mit Aspiration intendiert, wie S. 83 anzudeuten scheint, doch wäre der in IPA-Notation /ch/, womit wir wieder bei Problem von oben wären. Andererseits ist der Text auf S. 74 „The primary phonemic distinction between the consonants in all stages of Egyptian are two, aspiration and palatalization.“ und S. 75 „Palatalization affects the coronals and the velars…“ so formuliert, dass von Palatalisierung ausgegangen wird und nicht von einer Verschiebung zu einem palatalen Konsonanten.
9.
In den nördlichen Dialekten Fayumisch und Bohairisch wohl als /ɨ/ anzusetzen.
10.
Ob damit ein besseres Distinktionsmerkmal in der Beschreibung gefunden wurde, wird sich zeigen. Phonetisch gehört es eher zu den sekundären als zu den primären Merkmalen von Vokalen (wie Zungenhöhe oder -lage), siehe P. Ladefoged und I. Maddieson, Sounds of the World’s Languages (Oxford, 1996), 300–6. In der Diskussion germanischer Sprachen ist es indes auch Beschreibungskategorie nicht mehr ganz unumstritten, vgl. T. A. Hall, Phonologie: Eine Einführung (Berlin, 2000), 27; B. Pompino-Marschall, Einführung in die Phonetik (Berlin, 2000), 227, 115–16 oder G. Kristoffersen, The Phonology of Norwegian (Oxford, 2007), 13–14.
11.
Siehe S. 12–13 „… the alternation appears to affect relaxation of the tense vowels in closed syllables rather than tensing of the lax vowels in open ones“.
12.
Siehe die Auflistung S. 11 mit den Entsprechungen /i/ in geschlossener Silbe zu /ε/ bzw. /a/, /e/ in geschlossener Silbe zu /ε/ bzw. /a/ und /o/ in geschlossener Silbe zu /ɔ/ bzw. /a/.
13.
Dabei wird /o/ zu /u/ nach Nasal.
14.
Eph 2:19, 1 Th 2:14 bei Thompson, Lev 19:34, 20:4, 23:42, 24:16 und 24:22 bei Maspero; Pro 6:3, 11:9, 11:12 und 12:8 bei Worrell etc.
15.
Siehe M. Müller, Grammatik des Bohairischen (Hamburg, 2021), 12.
16.
NB: Da das Phänomen sowohl im An- als auch im Auslaut von Silben zu belegen ist, lässt es sich nicht als positionsabhängige Varianz eines Phonems erklären.
17.
So M. Müller, „Ägyptische Phonologie? Möglichkeiten und Grenzen linguistischer Modelle bei der Beschreibung des Lautsystems einer extinkten Sprache“, in A. Verbovsek, B. Backes und C. Jones (Hgg.), Methodik und Didaktik in der Ägyptologie: Herausforderungen eines kulturwissenschaftlichen Paradigmenwechsels in den Alterumswissenchaften (München, 2011), 519 bzw; Müller, Grammatik des Bohairischen, 10.
18.
Siehe F. Kammerzell, „The sounds of a dead language: Reconstructing Egyptian phonology“, GBS 1 (1998), 37–8 und F. Kammerzell, „Old Egyptian and Pre-Old Egyptian: Tracing linguistic diversity in Archaic Egypt and the creation of the Egyptian language“, in S. Seidlmayer (Hg.), Texte und Denkmäler des ägyptischen Alten Reiches (TLA 3; Berlin, 2005), 182–7.
19.
In seiner Unas-Grammatik ist er etwas spezifischer und erklärt die Form als aus einer verbalen Basis und dem Kongruenzmorphem bestehend, vgl. J. P. Allen, A Grammar of the Ancient Egyptian Pyramid Texts, I: Unis (Languages of the Ancient Near East 7; Winona Lake, 2017), 139 §17.1 „The stative is a single form, consisting of a verbal base and an obligatory ending that designates person, gender, and number“.
20.
Die Umsetzung weicht von Allens ab, da sie sich mehr an den IPA-Gepflogenheiten orientiert.
21.
Dieses besagt, dass bei morphologischen Erweiterungen, vom Wortende beginnend, neue Silben des Typs CV oder CVC gebildet werden und dabei der Silbensatz maximiert wird.
22.
Endsilben sind dabei geschützt, markiert per <…>, die Silbenbildung beginnt am Wortende, siehe dazu Müller, in Verbovsek, et al. (Hgg.), Methodik und Didaktik, 523–6.
23.
NB: Hierbei handelt es sich um einen abstrakten Prozess, der die Wortbildung erklären soll, und keine Annahme über mentale Vorgänge im Gehirn von Sprachnutzern.
24.
Würde man parallel z.B. zum Akkadischen Langvokale bei den Kongruenzmorphemen der 1. Person Singular und Plural und der 2. Person Plural postulieren, ergäben sich naturgemäß abweichende Formen:
