Abstract
Anliegen des Beitrags ist es, am Beispiel von Abendmahl und Eucharistie aufzuzeigen, aufgrund welcher Voraussetzungen eine gemeinsame liturgische Feier eine Gabe Gottes an die Gemeinschaft der an Jesus Christus Glaubenden ist. Als Form wird ein Wechselgespräch zweier Theologinnen gewählt, die Mitglied des „Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen“ (ÖAK) in Deutschland sind: Friederike Nüssel (evangelisch, Heidelberg) und Dorothea Sattler (römisch-katholisch, Münster). Im Mittelpunkt der Ausführungen steht die von diesem Gremium verantwortete Studie „Gemeinsam am Tisch des Herrn“, 2020 auf Deutsch und Englisch erschienen. Der ÖAK hat auf der Grundlage vieler Forschungsarbeiten das Votum formuliert, sich im Vertrauen auf die sich selbst schenkende Gegenwart Jesu Christi im Heiligen Geist zur Mitfeier von Eucharistie und Abendmahl einladen zu lassen. Ökumenische Sensibilität bei der Gestaltung der Liturgien ist eine naheliegende Konsequenz. Einzelne konfessionelle Traditionen haben ein Gut bewahrt, das heute als eine Gabe in Gestalt einer Mahnung an den gemeinsamen Ursprung erfahren werden kann: die stiftungsgemäße Feier mit geteiltem Brot und dem allen gereichten Becher (im Hintergrund steht die Kontroverse um den Laienkelch), die verbindlichen Leseordnungen und das Totengedächtnis. Die insbesondere von lehramtlicher römisch-katholischer Seite geäußerte Kritik an dem Votum des ÖAK bezieht sich vor allem auf den Themenbereich Amt und Kirchenverständnis. Der ÖAK spricht sich für eine Leitung der eucharistischen Feiern durch ordnungsgemäß ordinierte Personen aus. Den Beitrag rahmen einleitende Hinweise auf Grundfragen der ökumenischen Hermeneutik in Aufnahme von Anliegen der Confessio Augustana (1530) und des Zweiten Vatikanums (1962-65) sowie ein Ausblick auf die Bedeutung der interdisziplinären theologischen Studienarbeit unter ökumenischer Perspektive.
Congress “Liturgy and Ecumenism,” Dublin, 7–10 August 2023, Keynote IV
Dorothea Sattler
Als Geschwister in der Ökumene, konkret als zwei Schwestern, die den einen christlichen Glauben teilen, die den einen Herrn Jesus Christus bekennen, die getauft sind, so stehen wir heute vor Ihnen. Uns beide verbindet über Jahrzehnte viel: Wir waren zur gleichen Zeit in jungen Jahren als Protokollantinnen des „Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen“ (künftig: ÖAK) in Deutschland tätig, von dem später noch zu sprechen sein wird, weil er in der Studie „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ 1 (künftig: GaTH) 2020 ein Votum formuliert hat, das mit dem Thema unserer Tagung eng verbunden ist. Wir vertreten beide die These: Bei der Teilhabe an der eucharistischen Liturgie anderer Konfessionen empfangen wir eine Gabe, die nicht unser menschliches Vermächtnis ist, die wir vielmehr alle als Geschenk Gottes erhalten. Es ist der auferstandene Christus Jesus selbst, der uns im Heiligen Geist seine Gegenwart in der versammelten Gemeinde, im verkündigten Wort Gottes und in der Feier des eucharistischen Mahls schenkt.
Uns beide verbindet mehr als nur die wenigen gemeinsamen Jahre als Protokollantinnen und dann in Münster in Westfalen in der Lehre der Theologie. Mehrfach waren wir gemeinsam in Jerusalem tätig an der Dormition Abbey im Ökumenischen Studienjahr. 2018 ist während der gemeinsamen Tage in Jerusalem meine Mutter im Münsterland verstorben. Ich habe auf dem Berg Zion bei einer ökumenischen eucharistischen Feier die Gabe des Trostes erfahren im gemeinsamen Glauben an die Auferstehung der Toten.
Ökumene der Gaben—Sie merken: Nach meiner Einschätzung ist unser Thema eines, das nicht nur durch Argumente im akademischen Diskurs zu besprechen ist. Begegnungen und Beziehungen sind wichtig. Es bedarf der personalen, authentischen Offenheit füreinander in ökumenischer Gemeinschaft, um einander als personale Orte der wirksam werdenden Gaben Gottes wahrzunehmen. Die Ökumene der Gaben hat eine Schwester: die Ökumene des Vertrauens in die Gegenwart Jesu Christi.
Friederike Nüssel
Wie Dorothea Sattler andeutete, reicht unsere ökumenische Zusammenarbeit lange zurück. Sie bestand und besteht nicht nur in ökumenischer Gremienarbeit, wir haben auch 2008 eine „Einführung in die ökumenische Theologie“ veröffentlicht. Unser Hintergrund ist die ökumenische Situation in Deutschland, wo sich seit der Spaltung im 16. Jahrhundert die römische Kirche und die reformatorischen Kirchen zahlenmäßig ungefähr gleich stark entwickelt haben und die Geschichte zu einem anhaltenden Kräftemessen und einer anhaltenden Wettbewerbssituation für die Kirchen geführt hat. Für die caritative Arbeit und im Bereich der Bildung mag das gar nicht nur negativ gewesen sein. Aber die wechselseitige Ausgrenzung hat auch Leid für viele Menschen gebracht. Hier in Irland ist die ökumenische Situation in einer historisch recht anderen Konstellation gleichwohl nicht weniger prekär. In anderen Regionen in Europa spielt wegen klarer konfessioneller Mehrheitsverhältnisse Ökumene traditionell eine geringere Rolle. Dem stehen aber die Entwicklungen von Globalisierung und Säkularisierung immer stärker entgegen. Ökumene ist überall nötig, um Spaltungen zwischen christlichen Kirchen und ihrer destruktiven Kraft entgegenzuwirken. Denn geistliche Ausgrenzung, Verleumdung und Feindseligkeit, Gewalt, der Streit um Ressourcen anstelle des Teilens widersprechen der Botschaft Jesu und der Bestimmung der Kirche als dem einen Leib Jesu Christi. Darum gehört Ökumenismus, das Eintreten für die Gemeinschaft von Christen und Kirchen, zum Eintreten für das Evangelium.
Dorothea Sattler
Wir haben ein Wechselgespräch für Sie vorbereitet—in vier Teile untergliedert: Wir beginnen mit grundlegenden Aspekten der ökumenischen Hermeneutik, die heute in unseren konfessionellen Traditionen von Bedeutung sind. Wir bringen dabei die systematisch-theologische Perspektive ein (Teil 1). Wir konzentrieren uns sodann auf die Frage nach der eucharistischen Gemeinschaft und stellen am Beispiel der Studie GaTH 2 dar, welche Optionen mit der Hermeneutik einer „Ökumene der Gaben“ verbunden sein können und welche bleibenden Herausforderungen sich gerade angesichts der Freude an den gemeinsam empfangenen Gaben in ökumenischer Gemeinschaft ergeben (Teil 2). Wir verweisen sodann auf Beispiele aus den liturgischen Traditionen unserer Konfessionen, die bezeugen, dass wir uns wechselseitig durch Gottes Gaben bereichern können (Teil 3). Wir schließen am Ende mit einem Votum für eine interdisziplinäre theologische Zusammenarbeit in der Ökumene (Teil 4).
Ökumenische Hermeneutik aus Systematisch-Theologischer Sicht
Dorothea Sattler
Aus römisch-katholischer Sicht sind die Aussagen des 2. Vatikanischen Konzils (1962–1965) zur ökumenischen Hermeneutik von grundlegender und bleibender Bedeutung. Ich komme gleich darauf zurück. Zuvor möchte ich kurz an die Gegenwart der Römisch-katholischen Kirche erinnern—gerade unter dem Aspekt der „Ökumene der Gaben“.
Im Juni 2023 ist das „Instrumentum Laboris“ für die Weltsynode der Römisch-katholischen Kirche, die im Oktober 2023 stattfindet, erschienen. 3 Erstmals sind auch Laien—Frauen und Männer—zusammen mit Bischöfen in der Beratung über die Zukunft der Römisch-katholischen Kirche unter dem Vorzeichen der „Synodalität“ versammelt. Sehr auffällig ist, dass ökumenische Aspekte recht ausführlich im „Instrumentum Laboris“ angesprochen werden. Eines der Arbeitsblätter, mit denen sich alle Delegierte—Bischöfe wie Laien—bei der Weltsynode zu befassen haben, stellt sich—ich zitiere—folgender Frage: „Wie kann eine dynamische Beziehung wachsen, damit die Kirchen untereinander Gaben austauschen?“ (Arbeitsblatt zu B 1.3). Nicht zu verkennen ist, dass dieses römisch-katholische Dokument stärker die orthodoxen als die reformatorischen Kirchen als Gebende von Gaben im Blick hat. Gleichwohl hält es sich offen für neue Aspekte und stellt am Ende die Frage: „Wie kann der Austausch von Erfahrungen und Gaben nicht nur zwischen den verschiedenen Ortskirchen, sondern auch zwischen den verschiedenen Berufungen, Charismen und spirituellen Formen innerhalb des Volkes Gottes aktiv und fruchtbar gestaltet werden […]?“ (Arbeitsblatt zu B 1.3, Anregungen für Gebet und vorbereitende Reflexion, 9). Ökumene der Gaben—auch innerkonfessionell sind wir diesbezüglich in Lernprozessen.
Ich halte die offenkundig auch in jüngeren römisch-katholischen Dokumenten geschehende Bezugnahme auf die gesamte Gemeinschaft der Glaubenden bei der Erörterung des Themas „Austausch der Gaben“ für sehr wichtig. Das vorrangige Anliegen bei der Ermutigung zur Wertschätzung von fremden Gaben ist es, alle Glaubenden zur Fortsetzung der eigenen Suche nach einem verstehenden Glauben zu ermutigen. Dabei sind Zeugnisse aus anderen christlichen Traditionen, die auf die Mitte des christlichen Bekenntnisses verweisen, von sehr hoher Bedeutung. Wenn uns in fremder Sprache oder in unvertrauten Gesten die österliche Botschaft verkündigt wird, dann merken wir auf, werden wach.
Die Überzeugung, dass die Konfessionen sich in dem Maße einander annähern, wie sie von ihren eingenommenen Standorten aus der bereits bestehenden gemeinsamen Mitte im Glauben an Christus Jesus näher kommen, ist ein Leitgedanke der ökumenischen Hermeneutik des 2. Vatikanischen Konzils. Aus Sicht des Konzils ist die gesuchte Einheit der Kirchen eine geistliche Gabe Gottes, kein Werk allein von Menschen (vgl. 2. Vatikanischen Konzil, Unitatis Redintegratio [UR] 1–2). Die eine Taufe ist ein sakramentales Band, das alle mit Christus Jesus verbindet. Es gibt keine wahre Ökumene ohne innere Bekehrung (vgl. UR 4). Alle Kirchen sind zur Umkehr gerufen. Die geistliche Ökumene ist aus Sicht der Konzilsväter von sehr hoher Bedeutung, insbesondere das Gebet für die Einheit der Kirchen. Die Ökumenische Bewegung zu fördern, ist eine Aufgabe aller Christgläubigen. Eine enge Zusammenarbeit bei sozial-ethisch begründeten Handlungen ist anzustreben (vgl. UR 12). Die genannten Aspekte der ökumenischen Hermeneutik des 2. Vatikanischen Konzils haben den guten Boden bereitet für die Früchte, die wir uns heute in der Ökumene ernten.
Friederike Nüssel
Im Augsburger Bekenntnis von 1530 haben die Anhänger der Reformation sich klar zur Einheit der Kirche bekannt. Im Artikel 7 heißt es: „Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss“. Die Einheit der Kirche über die Zeiten hinweg ist dabei gebunden daran, dass „das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente gemäß dem Evangelium gereicht werden.“ (CA 7) Zur wahren Einigkeit der Kirche ist es darum hinreichend, „dass einträchtig in reinem Verständnis das Evangelium gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.“ Eine Gleichförmigkeit der Ordnungen, welche Menschen eingesetzt haben, ist hingegen nicht nötig. Heute debattieren wir zwar darüber, welchen Stellenwert in diesem Zusammenhang das Amt hat. Für Melanchthon allerdings war klar, dass die Kirche nicht ohne ein geordnetes Amt der Evangeliumsverkündigung in Wort und Sakrament sein kann. Für die evangelische Ökumene ist CA 7 schon im 19. Jahrhundert in den protestantischen Kirchenunionen und dann im 20. Jahrhundert in der Ökumenischen Bewegung grundlegend geworden. Wenn evangelische Kirchen auf der Einheit in Wort und Sakrament bestehen, bestreiten sie nicht, dass es nicht weitere Kennzeichnen der Kirche gibt. Sie halten es aber für möglich, dass es Unterschiede in den Bekenntnisaussagen und der liturgischen Praxis gibt, solange diese die Übereinstimmung im Evangelium und der Feier der Sakramente nicht betreffen. Die Kirchen im Lutherischen Weltbund bilden eine weltweite Gemeinschaft auf Basis ihrer Übereinstimmung in Wort und Sakrament. Das gilt auch für die evangelischen Kirchen in Europa, die sich auf Basis der Leuenberger Konkordie Kirchengemeinschaft erklärt haben und in der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa verbunden sind. Das ökumenische Einheitsmodell des Lutherischen Weltbundes, der GEKE und vieler protestantischer Kirchen in anderen Teilen der Welt (z. B. im Nahen Osten, siehe Amman-Erklärung) ist die Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Hier sind beide Teile des Titels konstitutiv. Es geht nicht nur um eine versöhnte Verschiedenheit, sondern um die Einheit in versöhnter Verschiedenheit.
Die in der Gemeinschaft evangelischer Kirchen verbundenen Kirchen verstehen sich als Teil der Kirche Jesu Christi. Sie bilden eine communio, indem sie im Verständnis des Evangeliums anhand der reformatorischen Rechtfertigungslehre übereinstimmen, die Sakramente gemäß dem Evangelium feiern und ihre Ämter anerkennen. Die Gemeinschaft in Wort und Sakrament ist keine beliebige Gemeinschaft, sondern Gemeinschaft in dem, was Grund der Kirche ist. Einheit von Kirchen in versöhnter Verschiedenheit hat nichts mit Beliebigkeit zu tun, denn sie lebt aus der Übereinstimmung in dem, was die Kirche begründet und trägt: das Evangelium Gottes von Jesus Christus, das in Wort und Sakrament verkündigt wird. Zugleich ist für solche Einheit nach evangelischem Verständnis Uniformität nicht erforderlich. Unterschiede sind legitim, wo sie die Übereinstimmung im Evangelium nicht in Frage stellen oder verdunkeln.
Ein Beispiel: Die Studie „Gemeinsam am Tisch des Herrn“
Dorothea Sattler
Eine Motivation, Friederike Nüssel und mich als Systematikerinnen in Ihre „Societas Liturgica“ einzuladen, ist—so ist es uns kommuniziert worden—das nachhaltige Interesse an der Studie GaTH, 4 die 2020 erschienen ist. Diese Studie, die von dem im deutschsprachigen Raum verorteten ÖAK verantwortet wird, schenkt der sich wandelnden Gestalt liturgischer Praxis bei dem einen eucharistischen Gedächtnis des erlösenden Handelns Gottes in Jesus Christus hohe Aufmerksamkeit. Von den biblisch überlieferten Zeiten an ist die göttliche Gabe der Erlösung in Jesus Christus in der Zeichenhandlung der Mahlgemeinschaft gefeiert worden. Die Praxis, als Zeichen der Gemeinschaftstreue Gottes Brot zu brechen und den Becher kreisen zu lassen, hat sich in den ersten Jahrhunderten zunehmend gefestigt. Die liturgischen Formulare haben sich verändert. Der Sinngehalt ist derselbe geblieben von den Anfängen an bis heute: Die Bereitschaft zur Versöhnung ist Gottes Gabe, auch wenn das Mensch gewordene Ebenbild seines Wesens, Jesus Christus, seinen Leib im Tod als gebrochen erleidet und sein Blut vergossen wird. Gott bleibt gemeinschaftstreu—das ist seine Gabe an uns, die die Christenheit im Mahl der Gemeinschaft feiert.
Wir haben uns in der Studie GaTH von einer uns verbindenden soteriologischen Perspektive leiten lassen, die ich hier nur andeuten konnte. Kundigen er-scheint kaum etwas schwieriger, als die soteriologische Relevanz des Todes Jesu zu begründen—und dann auch zu feiern. Daher sind alle Bemühungen um ein menschliches Verstehen dieses Geschehens eine geistliche Gabe.
In der hier gebotenen Kürze möchte ich die zentralen Inhalte der Studie GaTH kurz vorstellen: In dieser von ca. 40 evangelisch—römisch-katholischen Theologinnen und Theologen auf der Basis vieler Vorarbeiten in anderen ökumenischen Schriften vor- gelegten Studie kommt zur Darstellung, dass es von Beginn der Bildung der christlichen Gemeinden an eine Vielfalt an liturgischen Formen gab und gibt, in denen der Dank für das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi gefeiert wird. Das Gedächtnis Jesu Christi in seiner Bedeutung für die heute in seiner Nachfolge lebenden Menschen ist der Sinngehalt der eucharistischen Feier; die Feiergestalt dient dem Ausdruck dieses Sinngehalts. Im Heiligen Geist wird Jesus Christus mit seiner Lebenshingabe für uns im gebrochenen Brot und im geteilten Becher präsent. Versöhnung, Gemeinschaft und eschatologische Hoffnung werden in einer Zeichenhandlung erfahren, die über das Erleben hinauswirkt und verpflichtet. Im Wissen um bibeltheologische, historische und pastorale Erkenntnisse hat der ÖAK das Votum formuliert, sich im Vertrauen auf die Gegenwart Jesu Christi zu den liturgischen Feiern einladen zu lassen, deren Gestaltung in konfessioneller Verantwortung geschieht. Mit diesem Votum ist der Gedanke verbunden, keine neuen Liturgien gemeinsam zu planen, sondern einander in den geschichtlich gewordenen Feierformen vertrauensvoll zu begegnen, voneinander zu lernen, miteinander über Wahrnehmungen zu sprechen und zu entdecken, wie groß die Gemeinschaft im gottesdienstlichen Leben bereits heute ist.
In der Ökumenischen Bewegung gibt es seit langer Zeit Bemühungen, die gemeinsamen Strukturelemente bei dem eucharistischen liturgischen Gedächtnis des Todes, der Auferstehung und des Lebens Jesu Christi zu bestimmen. Die in der Lima-Liturgie aufgenommene Idee, nach einer Form zu suchen, bei der alle konfessionellen Anliegen Berücksichtigung finden, ist von bleibender Bedeutung. Das Votum des ÖAK geht jedoch einen anderen Weg: Unter Achtung der erreichten ökumenischen Konvergenzen im Verständnis von Abendmahl und Eucharistie, im Kirchenverständnis und in den Ämterlehren wird der Weg bevorzugt, sich zu den in einer konfessionellen Gemeinschaft bereits seit Jahrhunderten gelebten liturgischen Formen im Vertrauen auf die Gegenwart Jesu Christi von ihm selbst zu seinem wirksamen Gedächtnis einladen zu lassen.
Der ÖAK versteht die Studie GaTH als eine Sammlung des Ertrags vieler Studien, die diese ökumenische Gemeinschaft in vielen Jahren zuvor bereits erarbeitet hat. Zu den vorausgegangenen Studien zählen vor allem folgende Publikationen: (1) Die 1983 erschienene Studie zum Thema „Das Opfer Jesu Christi und seine Gegenwart in der Kirche“, 5 in der bibeltheologische, historische und systematisch-theologische Erkenntnisse über erreichte ökumenische Konvergenzen in einer zentralen Thematik der Eucharistie- und Abendmahlslehre dargestellt und begründet werden: Dort, wo im Gefolge des Tridentinums vom eucharistischen Opfer die Rede ist, handelt es sich um die auch aus evangelischer Sicht nicht zu beanstandende liturgische Feier zur Vergegenwärtigung der einmaligen und für das Heil der Geschöpfe voll genügsamen Lebenspreisgabe Jesu Christi in seinem Tod für uns. (2) Die 1986 erschienene Studie „Lehrverurteilungen—kirchentrennend?“ 6 hat allen kontroversen theologischen Aspekten im Themenbereich Abendmahl/Eucharistie in sehr differenzierter Weise Raum gegeben. Sie stellte sich der Frage, ob die im 16. Jahrhundert ausgesprochenen Verurteilungen der Lehre der jeweiligen theologischen Widersacher aus heutiger Sicht noch von kirchentrennender Wirkung sind. In dieser Studie werden auch Fragen der Ämterlehre behandelt. (3) Die mehrbändige Studie „Verbindliches Zeugnis“ 7 ist insofern in der Geschichte des ÖAK von besonderer Bedeutung, als sie hermeneutische Grundfragen in ökumenischer Perspektive behandelte, die bei jeder Einzelfrage zu bedenken sind. Insbesondere das Verhältnis zwischen Schrift und Tradition wurde reflektiert. Auch der Erkenntniswert der in Gemeinschaft gelebten Praxis des Glaubens fand Beachtung. (4) Mehr als acht Jahre hat der ÖAK an der Studie zum Thema „Das kirchliche Amt in apostolischer Nachfolge“ 8 gearbeitet. In drei Bänden werden historische Entwicklungen nachgezeichnet, biblische Begründungen erörtert und systematisch-theologische Reflexionen über die theologische Rede von der „Apostolischen Sukzession“ angestellt. Differenzierungen werden vorgenommen, die es erlauben, zwischen materialen Aspekten (Verkündigung des Evangeliums) und formalen Aspekten (Gestalt der Übertragung eines Amtes) zu unterscheiden und sie einander zuzuordnen. (5) In der Studie „Reformation 1517–2017“ 9 hat der ÖAK viele Erkenntnisse früherer Studien gebündelt und die Frage nach den Konsequenzen der erreichten Konvergenzen gestellt.
Die Studie GaTH lässt sich somit nur im Zusammenhang der vielen ökumenischen Erkenntnisse verstehen, die dem formulierten Votum voraus gegangen sind. Die Bemühungen, die Früchte der bereits geführten ökumenischen Dialoge zu ernten, 10 haben in der ökumenischen Literatur eine neue literarische Gattung hervorgebracht: die „In via - Erklärungen“, die es auch zum Themenbereich „Abendmahl/Eucharistie“ gibt. In ihnen sind die erreichten Stationen auf dem Weg zum Ziel—zur eucharistischen Gemeinschaft—beschrieben. Der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen hat in diesem Sinne nationale ökumenische Gremien darum gebeten, Studien zum Themenkreis Kirche, Eucharistie und Amt vorzulegen. Neben der Studie „Declaration on the Way. Church, Ministry, and Eucharist“ (2015) in den USA 11 sowie der Studie „Communion in Growth. Declaration on the Church, Eucharist, and Ministry” (2017) in Finnland 12 liegt mit GaTH eine weitere ökumenische Studie vor, die von dem Anliegen geprägt ist, die vorausgehenden ökumenischen Erkenntnisse zu bündeln und weiterzuführen.
Friederike Nüssel
Für die evangelische Sicht sind zwei Überlegungen bestimmend, um im Kontext der erreichten ökumenischen Verständigung für eine wechselseitige Teilnahme an Abendmahl und Eucharistie zu plädieren. Die erste Überlegung resultiert aus dem Sinn der Feier. In den Stiftungsworten hat Jesus Christus der zum Herrenmahl versammelten Gemeinde seine Gegenwart verheißen. Unter den Elementen von Brot und Wein ist er den Kommunizierenden als der auferstandene Gekreuzigte gegenwärtig und lässt sie an seinem Leben und Heil teilhaben. Die Gegenwart Jesu Christi bedeutet die Vergebung der Sünde, gibt Hoffnung auf ewiges Leben in der Gemeinschaft mit ihm und verbindet die Kommunizierenden zur Einheit des Leibes Christi. In der Erinnerung an die Lebenshingabe in den Einsetzungsworten „für euch gegeben“ und „für euch vergossen“ ist das Abendmahl/die Eucharistie Gabe. In seiner Erklärung des Abendmahls hat Luther den Opfercharakter der Messe kritisiert im Verweis darauf, dass das Abend- mahl wesentlich Gabe ist. Im Abendmahl wird die leibhaftige Gemeinschaft mit dem auferstandenen Gekreuzigten als Gabe empfangen. Die Herrenmahlsfeier ist darum der intensivste Ausdruck dessen, dass Christus in der Gabe seiner Präsenz Glaubende mit sich und untereinander zum Leib Christi verbindet. Darin werden menschliche Grenzen zwischen sozialen Schichten, Nationen, Ethnien etc. überwunden. Weil das Abendmahl Gabe Christi (gen. subjectivus und objectivus) ist und Gemeinschaft schenkt, ist die Annahme der Gabe im Zutritt zur Feier Ausdruck des Vertrauens auf Christus und seine Zusage. Nicht der Zutritt zu Abendmahl und Eucharistie bedarf der Begründung, sondern die Begrenzung der Gemeinschaft.
Die zweite Überlegung ergibt sich aus dem Gesprächsstand der ökumenischen Dialoge. Es ist in evangelisch-katholischen Dialogen gelungen, die maßgeblichen Kontroversfragen der Reformationszeit in Bezug auf Realpräsenz, Messopfer und Laienkelch auszuräumen. Aus Sicht von GaTH sind die Differenzen im Verständnis nicht mehr kirchentrennend. Trennend ist aber noch die ungeklärte Differenz im Verständnis des Amtes. Doch auch im Dialog über das Amt konnten wichtige Fortschritte erzielt werden. Es bestehen gemeinsame amtstheologische Grundüberzeugungen, die in GaTH aufgeführt werden. Gemeinsam wird das Amt als Amt der öffentlichen Evangeliumsverkündigung in Wort und Sakrament verstanden. Das an die Ordination gebundene Amt ist für das Sein und Bleiben der Kirche in der Wahrheit notwendig und dient der Einheit. Es ist von Gott geordnet. Die Ordination ist die geordnete Berufung und Sendung zum Dienst an Wort und Sakrament. Für die Leitung der Kirche ist Episkopé notwendig, die personale, kollegiale und kommunale Dimension umfasst. Wo diese Grundsätze in der Vorsteherrolle des Abendmahls berücksichtigt sind, gibt es aus evangelischer Sicht kein Hindernis, die Gültigkeit der Einsetzung des Abendmahls zu bestreiten. Für volle Kirchengemeinschaft und Interzelebration sind zwar auch nach evangelischem Verständnis differenzierte Konsense im Kirchen-, Sakraments- und Amtsverständnis notwendig. Aber wo katholische und evangelische Menschen in der Feier der jeweils anderen Konfession die Zusage und Selbstgabe Christi vernehmen, sollten sie ihrem Herzen folgen können. Dafür liefert GaTH theologische Gründe.
Dorothea Sattler
Die Rezeption der Studie GaTH 13 war auf verschiedenen Ebenen im römisch-katholischen Kontext sehr reichhaltig: Viele Menschen in den Gemeinden—vor allem Menschen, die in konfessionsverbindenden Familien leben—haben das theologisch begründete Votum als eine Entlastung ihrer Gewissen erfahren. Schon lange ist die vor Ort in den Gemeinden und Familien gelebte Praxis eine andere als dies die römisch-katholischen kirchenrechtlichen Richtlinien vorsehen. Das Argument, aus gutem geistlichen Grund, im Vertrauen auf die zugesagte und von Jesus Christus geschenkte Gegenwart an der eucharistischen Feier und am Abendmahl teilnehmen zu können, hat viele Menschen in ihrem Handeln bestärkt. Da das Votum im Kontext des 3. Ökumenischen Kirchentags in Frankfurt 2021 auf nationaler und internationaler Ebene besprochen wurde, hat es hohe Aufmerksamkeit erfahren.
Auf fachlicher Ebene gab und gibt es unterschiedliche Stimmen—wie immer in wissenschaftlichen Diskursen. Von hoher Bedeutung erscheint mir, dass es sehr bald gelungen ist, die multilaterale Ebene in das Gespräch einzubeziehen—also nicht im evangelisch / römisch-katholischen Dialog zu verbleiben. 14 Die entsprechenden Gremien in Deutschland haben sich mit dem Votum befasst und es begrüßt. Im Kontext der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen 2022 in Karlsruhe war die eucharistische Thematik ebenfalls präsent. 15
Einen besonderen Vorgang auf römisch-katholischer kirchenamtlicher Ebene gilt es zu erinnern: Die Glaubenskongregation hat den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz im September 2020 darüber in Kenntnis gesetzt, dass es in der römisch-katholischen kirchlichen Lehre begründete Bedenken gegen das Votum gibt, die zu einem Widerspruch zu dem in der Studie formulierten Votum veranlassen. Der ÖAK wurde daraufhin beauftragt, eine Stellungnahme zu den Einwänden zu verfassen. Der Vorgang ist kirchenamtlich noch nicht abgeschlossen—kompliziert im Detail auch auf formaler Ebene. Inhaltlich wird deutlich, dass vor allem die Frage nach der amtlichen Autorität der Menschen, die in der eucharistischen Feier handeln, in den Blick genommen wird. Angesichts der fehlenden Apostolischen Sukzession bei evangelischen Pfarrern—oder gar Pfarrerinnen—wird die Wirksamkeit ihres Handelns in Frage gestellt—und in der Folge die Gegenwart Jesu Christi im Heiligen Geist als Geschenk, als Selbstgabe. Die alte Wunde ist wieder aufgerissen. In Zweifel wird gezogen, ob geschieht, worauf evangelische Gemeinden seit Jahrhunderten in ihren liturgischen Feiern vertrauen: die Gegenwart Jesu Christi unter den Zeichen des Mahls.
Friederike Nüssel
Es gehört zum Stand der erreichten ökumenischen Verständigung, dass evangelische Ökumeniker*innen Einblick in die Kriteriologie und theologischen Anliegen der römischen Kurie gewonnen haben. Vor diesem Hintergrund war die kritische römisch-katholische Antwort auf GaTH keine völlige Überraschung. Aber sie lähmt die innerevangelische Rezeption. Vor dem Hintergrund rasanter Säkularisierung in Europa ist es schwer genug, Menschen die geheimnisvolle Präsenz Gottes und seine liebende Zuwendung am Ort unserer Endlichkeit zu vermitteln. Gemeinsames Zeugnis der Kirchen ist gefragt. Wir brauchen hier einen Richtungswechsel. Konfessionelle Profilierungen werden heute nicht mehr verstanden. Deswegen ist die zentrale Aufgabe die, sich ökumenisch wechselseitig im besten Sinne interpretieren. Dieses Signal geht vom Rezeptionsprozess nicht aus.
Dorothea Sattler
Die Ökumenische Bewegung möchte an Verbindlichkeit gewinnen. Selbstverpflichtungen angesichts der Gewissheit, in dem einen christlichen Glauben verbunden zu sein, werden eingegangen. Hörbereitschaft, Anerkennung anderer Positionen—all dies prägt die gegenwärtige ökumenische Mentalität auch auf der akademischen Ebene. In Familien und Gemeinden sowie bei besonderen Anlässen wie beispielsweise auf Kirchentagen wird das ökumenische Miteinander immer selbstverständlicher und das Fehlen der Gemeinschaft in der Feier von Abendmahl und Eucharistie immer spürbarer. Dies gilt besonders für jene Menschen, die ihren Lebensalltag in einer konfessionsverbindenden Ehe miteinander teilen. Diese Erfahrungen prägen sozial und biographisch auch die Menschen, die sich im ÖAK engagieren. Die Suche nach Möglichkeiten verbindender ökumenischer Spiritualität hat einen Richtungssinn: Sie zielt die Erfüllung im gemeinsamen eucharistischen Mahl an. Die Teilhabe an den liturgischen Feiern anderer christlicher Traditionen kann die Erkenntnis stärken, in der Tiefe des christlichen Glaubens bereits miteinander verbunden zu sein. Viele Christinnen und Christen sind noch unvertraut mit der liturgischen Praxis in anderen kirchlichen Traditionen. Die Erfahrung, in der Feier von Abendmahl und Eucharistie in dem einen Glauben miteinander das eine österliche Geheimnis zu feiern, kann die Hoffnung auf die sichtbare Einheit der Kirchen stärken.
Liturgie und Ökumene der Gaben
Dorothea Sattler
Die geistliche Ökumene ist von sehr hoher Bedeutung in der Zukunft der Kirchen. Nach fruchtbaren Jahrzehnten der Verständigung in theologischen Fragen steht die Ökumenische Bewegung heute vor neuen Herausforderungen: Grundlegende Fragen des Glaubens, in denen die Kirchen gemeinsame Optionen haben, werden in das gesellschaftliche Gespräch eingebracht. Vorrangig wichtig erscheint es zudem, gemeinsam die weltpolitischen, sozialethischen und individualethischen Herausforderungen anzunehmen, die die Gemeinschaft der Geschöpfe bedrängen. Alle Kirchen sind gefordert, sich den Fragen der Gegenwart zu stellen: Wie finden die Menschen einen sicheren Ort für die Gestaltung ihres Lebens? Wie ist es möglich, Versöhnung und Frieden unter den Völkern zu erreichen? Wie können die Lebensgrundlagen für alle gesichert werden? Warum gelingt es nicht, die entlohnte Arbeit gerecht zu verteilen? Wer stillt den Hunger und Durst der Bedürftigen in den Ländern, in denen es selten regnet? In welcher Weise lassen sich die Verstrickungen lösen, die viele Menschen im Blick auf ihr Leben in Beziehungen empfinden? Wer steht den Verzweifelten Tag und Nacht zur Seite? Wer tröstet die Sterbenden mit der Osterbotschaft des gemeinsamen christlichen Evangeliums?
Wahre geistliche Erfahrungen in ökumenischen Begegnungen lassen viel zu wünschen übrig—in einem guten Sinne: In ihnen wird die Trauer über die fortbestehende Trennung spürbar, und sie vermitteln eine frohstimmende Ahnung von dem großen Reichtum des christlichen Glaubens. Übrig bleibt viel: der Wunsch nach einer währenden, nicht von Trennung bedrohten, lebendigen christlichen Gemeinschaft im Hören auf Gottes Wort, im sakramentalen Gedächtnis des Todes und der Auferweckung Jesu Christi und in der Bereitschaft zum Zeugnisdienst mit Tat und Wort. Spirituelle Erfahrungen sind mit Bewusstsein erfasste Geschehnisse, in denen Menschen in der Kraft der Gegenwart des Geistes Gottes an die Tiefen ihrer Daseinsfragen herangeführt werden und eine vertrauenswürdige, gläubige Antwort erkennen und ergreifen können. Spiritualität ist der in Gottes Begleitung geschehende Weg zum Grund des je ganz eigenen Lebenslaufes, der sich in der Gemeinschaft der Mitgeschöpfe vollzieht. Dieser geistliche Weg kann eine unterschiedliche äußere Gestalt haben: stilles Hören, drängendes Flehen, ausdauerndes Singen, mutiges Handeln, zeichenhaftes Gebärden, offene Gespräche. Wer jemals erfahren hat, dass andere Menschen jener Antwort, die sie selbst auf die gemeinsamen Lebensfragen gefunden haben, in glaubwürdiger und ansprechender Weise Ausdruck verleihen können, der wird sich dem Reiz des geistlichen Miteinanders nicht mehr entziehen wollen. Das Leben lässt viel zu wünschen übrig. Gemeinsam fällt es leichter, sich in die Dunkelheiten des Daseins zu begeben, den unausweichlichen Tod und die belastende Sünde zu bedenken. Nur in Gemeinschaft lässt sich das Licht des Vertrauens auf den Gott des Lebens hüten.
Ich möchte mit einem Beispiel verdeutlichen, wie eine in konfessioneller Tradition bewahrte Praxis aus heutiger Sicht eine Gabe für die Gesamtheit der Christinnen und Christen sein kann: das Totengedächtnis in der Eucharistie beim Requiem, nach sechs Wochen, nach einem Jahr und zu besonderen Anlässen. Im 16. Jahrhundert wurde offenkundig, dass die Kontroverse um die eschatologische Bedeutung des eucharistischen Opfers eng mit der Thematik der Läuterung des Lebens verbunden ist. Angesichts der Nähe dieser Fragestellung zum Ablasswesen ist es gut verständlich, dass es bis heute einer theologischen Anstrengung bedarf, in ökumenischen Gesprächen das in der römisch-katholischen eucharistischen Tradition und Frömmigkeit gut vertraute und häufig geübte Gedächtnis der Toten und die Nennung von ihren Namen zu begründen. Es geht dabei nicht nur um eine bloße Erinnerung an die Verstorbenen, es geht auch um einen geistlichen Prozess der Versöhnung zwischen den Lebenden und den Toten, bei dem die eucharistisch gefeierte Liebe des gekreuzigten und auferstandenen Christus wirksam wird. Im eucharistischen Totengedächtnis ereignet sich ein „Vorgeschmack“ auf das versöhnte Leben aller mit allen in eschatologischer Zeit.
Es entspricht der gemeinsamen christlichen Lebenserfahrung, als an Christus Jesus Glaubende schon mit Gott versöhnt zu sein und dennoch in vielfältiger Weise noch unter dem unvollendeten Leben zu leiden. Diese Einsicht erweist sich als über die Todesgrenze hinaus gültig. Wenn einander vertraute Menschen sterben, ist in aller Regel nicht einfach alles gut. In Erinnerung können sehr konkrete Szenen des Streits bleiben, unter denen Hinterbliebene leiden; die Trennung von einem einstmals geliebten Menschen oder Zerwürfnisse zwischen Eltern und Kindern bleiben in irdischer Zeit oft unverstanden. Viele Menschen suchen dann nach einer Möglichkeit, in einem Geschehen des Gedenkens über die Todesgrenze hinaus zur Versöhnung zu finden. Das Totengedächtnis in der Feier der Eucharistie ist nach römisch-katholischer Tradition nicht nur ein Ort, an dem die Lebenden ihre Hoffnung zum Ausdruck bringen, Gott habe die Verstorbenen mit unverlierbarem Leben erfüllt—dies gewiss auch. Das eucharistische Totengedächtnis wird zudem als wirksam im Geschehen der Versöhnung zwischen Toten und Lebenden gedacht. Genau darin liegt die ökumenische Brisanz der hier aufgegriffenen Fragestellung.
In den liturgischen Feiern der christlichen Gemeinschaften den Toten Gedächtnis zu schenken, indem mit ihren Namen ihr Leben erinnert wird, ist ein leibhaftiger Ausdruck der Verbundenheit aller Getauften in der österlichen Hoffnung auf unverlierbares und versöhntes Leben in Jesus Christus. In den eucharistischen Feiern werden vertraute Namen genannt. Mit diesen Namen tritt die leibhaftig gestaltete Lebensgeschichte der in der Gemeinde versammelten Menschen vor Gott: alles Getane, alles Erlittene, alles Unversöhnte, alle Bereitschaft und aller Widerstand. Ein Neubeginn ist jederzeit möglich in der Verbundenheit des Geistes Gottes, für den der Tod keine Schranke ist, die ihn hinderte, versöhnte Gemeinschaft zu stiften. In den Ortsgemeinden sind auch die Namen der Verstorbenen anderer Konfession bekannt. Ihrer in österlicher Hoffnung zu gedenken, ist Ökumene des Lebens. Das Gedächtnis von Toten unterschiedlicher Konfessionen, die allen Gemeindemitgliedern etwa aufgrund ihres Einsatzes für Gerechtigkeit und Frieden dem Namen nach gut vertraut sind, könnte eine Zeichenhandlung sein, die die Verbundenheit im österlichen Glauben als stärker erweist als jede irdische Gestalt der Spaltung und Trennung.
Kurz möchte ich noch einen weiteren Gedanken anschließen, der aus meiner Sicht bei Reformen im reformatorischen Liturgieraum von Bedeutung sein könnte: die Achtung der Leseordnung in Zuordnung zum Kirchenjahr und aufgrund einer Entscheidung für den Kanon im Kanon biblischer Texte. Es gibt in der römisch-katholischen Liturgie eine weltweit geltende Leseordnung—und ich halte dies für einen Segen—eine Gabe in der Ökumene. Über die zu treffende Auswahl der Schrifttexte können wir gewiss fachlich streiten. Was wäre es jedoch für ein Segen, wenn wir als Gabe Gottes—sein heiliges Wort wird verkündigt—in allen Kirchen eine Leseordnung hätten, die es uns erlaubte, uns überall zu Hause zu wissen!
Friederike Nüssel
Dorothea Sattler hat das Totengedächtnis und eine weltweite Leseordnung als Beispiele für eine Ökumene der Gaben aus katholischer Sicht genannt. Wie wir in der gemeinsamen Reflexion auf eine Theologie der Gabe und des Gebens gesehen haben, gehört zur Gabe, dass sie empfangen sein will. Eine Ökumene der Gaben nimmt darum beide Seiten, das Geben und das Empfangen, in den Blick. Unter diesem Gesichtspunkt wird deutlich, dass Gaben unterschiedliche Dynamiken freisetzen. So ist—vermutlich für niemanden hier überraschend—für evangelisches Verständnis das Totengedächtnis deutlich schwieriger als Gabe zu verstehen als eine weltweite Leseordnung. Wie man das Hineinwirken der eucharistischen Feier in die Sphäre der Verstorbenen denken soll, ruft für evangelisches Verständnis eschatologische Fragen auf, an denen wir arbeiten müssen. Eine gemeinsame Leseordnung hingegen ist eine Gabe, die weltweit verbinden kann. Aber man kann auch fragen, ob nicht unterschiedliche Leseordnungen einen Reichtum darstellen.
Generell tun sich evangelische Christen und Kirchen etwas schwerer als andere Konfessionen, ihre Traditionen als Gabe zu präsentieren. Das hat mit der reformatorischen Rechtfertigungslehre zu tun. Aber vielleicht kann man sagen, dass die Wiederentdeckung des Evangeliums von Gottes reiner Gnade in der Reformationszeit sich als Gabe verstehen lässt, die langfristig ökumenisch wirksam geworden ist. Im 20. Jahrhundert hat der Dialog über die Rechtfertigungslehre zwischen römisch-katholischer Kirche und lutherischem Weltbund zur Gemeinsamen Erklärung der Rechtfertigungslehre (GER) geführt. Mit der GER wurde ein Konsens im Grundverständnis des Evangeliums erzielt. Inzwischen haben die Reformierte Weltgemeinschaft, die Anglikanische Gemeinschaft und die Methodistische Weltkonferenz der GER zugestimmt. Das Dialogergebnis über die Rechtfertigung ist so zur ökumenischen Gabe geworden.
Dorothea Sattler
Es lassen sich aus meiner Sicht eine Fülle von Aspekten benennen, die in der römisch-katholischen Tradition aus dem Blick geraten sind und durch die ökumenische Gemeinschaft erneut in das Bewusstsein treten. Ich kann nur zwei Beispiele nennen:
Den Laien den Kelch reichen: Bereits im 16. Jahrhundert bestand zwischen evangelischen und römisch-katholischen Theologen Einigkeit in der Auffassung, dass in der Feier der Eucharistie durch die Teilhabe an dem einen gebrochenen Brot und an dem einen Kelch stiftungsgemäß und sinnenfällig die in Christus Jesus in Zeit und Geschichte erwirkte und im Heiligen Geist beständig gegenwärtige Versöhnung mit Gott sakramental verkündigt wird. Zwar ist auch nach evangelischer Auffassung in der Brotkommunion allein der gesamte Leib Christi gegenwärtig, doch ist die zeichenhafte Darstellung dieser erlösenden Gemeinschaft in der Kelchkommunion eine den Willen Jesu Christi achtende Verstärkung der Ausdruckskraft der eucharistischen Mahlhandlung. Die Teilhabe der amtlichen Vorsteher sowie der gesamten Gemeinde an dem einen eucharistischen Kelch bringt die Verbundenheit aller Getauften mit Jesus Christus zum Ausdruck. Die eucharistische Feier mit Brot und Wein entspricht der Stiftung Jesu Christi. Dass der Kelch Laien nicht gereicht wird, ist dabei zu einem schmerzlichen Sinnbild der Spaltung geworden. Es gibt keine dogmatischen Hindernisse, auch in der römisch-katholischen Liturgie—wie in der Regelgestalt in den evangelischen Abendmahlsliturgien—die Weisung Jesu Christi zu achten: „Trinkt alle daraus!“. Vorsicht bei der Rede vom „Opfer“: Die reformatorische Theologie und liturgische Praxis ist sehr sensibel, wenn die Rede vom eucharistischen „Opfer“ ist. Inhaltlich bestehen diesbezüglich keine Kontroversen mehr: Die gottesdienstliche Versammlung feiert das Lobopfer für Gottes Handeln in Jesus Christus, der sein einmaliges Lebensopfer als Erweis der Barmherzigkeit Gottes mit Sünderinnen und Sündern am Kreuz durchlitten hat. Die Kirche feiert das Gedächtnis dieser Lebenspreisgabe Jesu Christi in der Eucharistie und nimmt in der Nachfolge Jesu Christi auf den Wegen zur Versöhnung das eigene Kreuz an. Nicht alle eucharistischen Gebete in römisch-katholischer Tradition sind frei von der Vorstellung, dass die Kirche—wem: Gott—wen: Jesus Christus—als Opfer darbringt. Es ist sehr hilfreich, wenn hier Widerspruch laut wird. Die Bewegung ist eine andere: Gott opfert uns seinen Sohn als wirkmächtiges Zeichen seiner bleibenden Versöhnungsbereitschaft in aller Widerwärtigkeit unseres menschlichen Handelns. Gott opfert sich uns—nicht wir bringen ihm ein Opfer dar.
Friederike Nüssel
Aus evangelischer Sicht hat der ökumenische Dialog über Abendmahl und Eucharistie dazu beigetragen, Sinn und Bedeutung der Realpräsenz Jesu Christi neu zu durchdenken. Die Subtilität der Position des Thomas von Aquin verdient dabei auch von evangelischer Seite neue Aufmerksamkeit. Denn Thomas vertritt mit der Transsubstantiationslehre zwar ein realistisches Verständnis der Gegenwart Christi unter den Elementen, aber er nimmt in seiner Lehre vom Substanzwandel auf subtile Weise das Anliegen symbolischer Interpretationen auf, die die rationale Zumutung vermeiden wollen, einen Wandel zu lehren, der sich sinnlich nicht wahrnehmen lässt. Über Thomas hinausgehend sind die modernen Übersetzungen der Transsubstantiationslehre in der Transsignifikationslehre und der Transfinalisationslehre für den ökumenischen Dialog und für die innerevangelische Verständigung von großer Bedeutung. In Auseinandersetzung mit diesen Positionen rückt der Gesamtzusammenhang der liturgischen Feier in den Blick gegenüber einer Verengung des Blicks auf die Elemente, die in der lutherischen Tradition teilweise gegeben war bzw. ist.
Ausblick: Interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Ökumene
Dorothea Sattler
Ich bin überzeugt: Wir brauchen die interdisziplinäre theologische und philosophische, auch soziologische und psychologische Zusammenarbeit in der Ökumene. Allein gelassen stehen wir in der systematisch-theologischen Reflexion in der Gefahr, uns auf Kontroversen zu beziehen, die im Ursprung, in der biblischen Überlieferung nicht bestanden. Zu Beginn gab es bei Paulus die Leitung der Gemeinden durch charismatisch begabte Personen—warum nicht auch heute? Historische Erkenntnisse sind lehrreich; Bezüge zur Praxis auch. Im ÖAK ist es gerade angesichts der Vielgestalt der fachlichen Perspektiven—biblisch, historisch, systematisch, praktisch—gelungen, ein Votum zu formulieren, das der Begrenzung der jeweiligen Perspektive Rechnung trägt. Alles in der Theologie ist Rekonstruktion mit den Mitteln des menschlichen Verstandes unter Anwendung gesicherter Methoden. So vieles wissen wir nicht—vor allem nicht über die Anfänge der liturgischen Traditionen. Jede Gegenwart hat sich bemüht, Gottes Gaben im Lobpreis zu feiern.
Friederike Nüssel
Die Ergebnisse ökumenischer Dialoge verdanken sich interdisziplinärer Zusammenarbeit der verschiedenen theologischen Disziplinen in katholischen und evangelischen Fakultäten. Der Diskurs zwischen akademischer katholischer und evangelischer Theologie hat seit der Reformationszeit nie aufgehört. Man hat durchgängig wechselseitig die theologischen Entwicklungen verfolgt und rezipiert. Theologen wie Robert Bellarmin und Johann Gerhard haben auf höchstem akademischem Niveau miteinander gestritten. Sie haben zwar die konfessionelle Polarisierung vorangetrieben, sie haben aber auch die theologische Reflexionsleistung erheblich vertieft und zur Formierung der Theologie als Wissenschaft beigetragen. Die permanente akademische Auseinandersetzung ist eine wesentliche Voraussetzung für die theologischen Annäherungen schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gewesen und stellt seither eine große Bereicherung dar.
Dorothea Sattler
Ich schließe mit einer Erinnerung an eine Begebenheit am Vortag meiner Bewerbungsvorlesung an einem Montag in Münster. Die Direktorin des Ökumenischen Instituts wollte ich werden. Gewohnt bin ich, am Sonntag die Eucharistie zu feiern. An diesem Sonntag versammelten sich auf dem überschaubar kleinen Dorfplatz in Vendersheim in Rheinhessen die evangelischen Gemeindemitglieder draußen und probten anlässlich der Konfirmationsfeier im Chor den Choral „Großer Gott wir loben Dich“. Gerne hätte ich mitgesungen. Eher beschämt schlich ich in das kleine römisch-katholische Gotteshaus. Ökumene der Gaben an den Lebensorten der an vielen Orten zumindest in Europa immer kleiner werdenden christlichen Gemeinschaften: Warum—so frage ich, warum vertrauen wir nicht mehr auf die Gaben des Geistes Gottes in allen Kirchen? Gott sei es geklagt—aus meiner Sicht war es nicht vorgesehen, dass an einem Lebensort in einem kleinen Weindorf die Getauften in unterschiedliche steinerne Gebäude gehen, um Gott für seine Gaben zu loben. Gemeinsam sind wir überzeugender—werden wir also „eins“, damit die Welt glaubt, dass Gott Jesus Christus gesandt hat—damit wir zum Glauben finden an den barmherzigen Gott, der Leben auch im Tod schenkt.
