Abstract

Das vorliegende Buch ist keine Ergänzung bereits existierender Schriften zu den Berliner Afrikawissenschaften, sondern eine Pionierleistung im doppelten Sinne. Zum einen bearbeitet der Autor das Thema erstmals mit dem methodischen Handwerkszeug eines Wissenschaftshistorikers. Zum zweiten beschreibt er das Wirken Dietrich Westermanns, der zentralen Figur der Berliner Afrikawissenschaften in der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkrieges, ohne eine Biografie im konventionellen Sinne zu erstellen. Westermann ist vielmehr der rote Faden im wissenschaftlichen Netzwerk, das Stoecker in den Blick nimmt. Dessen Analyse führt der Autor entlang der Achsen „Theorie und Innovation‟, „Personalia‟, „Wissenschaft und Politik‟ sowie der „Organisationsformen‟ durch. Der gewählte Untersuchungszeitraum (1919–1945) ist vor allem deshalb interessant, weil der Verlust der Kolonien am Ende des Ersten Weltkrieges und die durch den Versailler Vertrag festgelegten Friedensbedingungen die deutsche Forschung zu Afrika in ganz grundsätzlicher Weise beeinflussten.
Auf die Auswirkungen dieser außenpolitischen Rahmenbedingungen geht der Autor detailliert im zweiten Kapitel des Buches ein, indem er auch die scientific community der Berliner Afrikawissenschaften näher vorstellt. Die Ausführungen über die aus diversen systemischen Disziplinen stammenden Akteure und der durch sie generierten wissenschaftlichen Paradigmen zeigen am Berliner Beispiel die Entwicklung der Afrikawissenschaften als Verflechtungswissenschaften.
Das umfangreiche dritte Kapitel des Buches befasst sich mit der Afrikaforschung an wissenschaftlichen Einrichtungen in Berlin. Seine Ausführungen über die Wirkungsweise des Seminars für Orientalische Sprachen enthalten nicht nur die längst überfällige kritische Bestandsaufnahme der bisherigen Forschungen zu dieser Institution und einzelnen Personen, sondern ergänzen vor allem das bisherige Wissen über die afrikanischen Mitarbeiter um wichtige Details. Im Gegensatz zu anderen Publikationen zu diesem Thema, die vor allem die Ungleichbehandlung von Afrikanern im akademischen Bereich in den Vordergrund stellen, beschreibt die vorliegende Publikation auch deren Rolle als politisch handelnde Personen (S. 55–61). Sehr interessant liest sich dieses Kapitel im Hinblick auf die schrittweise Etablierung der Berliner Afrikaforschung als akademisches Fach mit entsprechenden Professuren an der Berliner Universität. Hierbei gelingt es Stoecker, den Spannungsbogen zwischen wissenschaftlichem „Eigensinn‟ und den im Nationalsozialismus immer stärker greifenden Anpassungsbestrebungen diverser Wissenschaftler aufzuzeigen. Sehr verdienstvoll ist die umfangreiche Behandlung des „Instituts für Lautforschung‟ an der Berliner Universität, wovon die aktuelle Forschung zur „akademischen Verwertung‟ von Kriegsgefangenen beider Weltkriege unzweifelhaft profitieren wird.
Den im Titel des Buches formulierten Anspruch, die Berliner Afrikawissenschaften als Teil eines „wissenschaftlichen Netzwerkes‟ zu verstehen, löst der Autor im vierten und sechsten Kapitel seines Buches ein. Mit Bezug auf den nationalen Kontext nimmt der die Förderpraxis wissenschaftlicher Vorhaben durch die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft bzw. ihrer Nachfolgeorganisation, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Preußischen Akademie der Wissenschaften und der Kolonialwissenschaftlichen Abteilung des Reichsforschungsrates in den Blick. In diesem Rahmen gelingt es Stoecker, die Person Dietrich Westermanns ohne polemischen Unterton aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Die Einbindung in den internationalen Forschungskontext in der Zeit zwischen 1926 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschreibt der Autor anhand des International African Institute in London. Bei der Lektüre erschließt sich dem Leser eine weitere Facette Dietrich Westermanns — die internationale Ausstrahlungskraft seiner Person und seiner Forschung, die während des Zweiten Weltkriegs vergleichsweise unbeschadet blieb. Indem Westermanns Handeln eben nicht als bewusster Balanceakt zwischen nationalem, teilweise stark an die politischen Rahmenbedingungen angepassten Handeln und internationaler Forschungskooperation dargestellt wird, lässt der Autor genügend Raum für eigene Urteilsfindungen.
Etwas quer zum Rest des Textes steht der Abschnitt zum „Auslandsforscher‟ Otto Schulz-Kampfhenkel; einem mit Afrika befassten Haudegen, der juvenile Abenteuer als „wissenschaftliche Expeditionen‟ verstand. Allerdings zeigen diese Ausführungen deutlich, welche Richtung Forschungsförderung und -praxis nimmt, wenn sie in den Dienst faschistischer Diktaturen und kriegswichtiger Erkundungen gestellt wird. Sie regen überdies zum Nachdenken über gegenwärtige Praktiken an, wenn eine Hamburger Stif tung, die sich der „Förderung von Bildung und internationalem Jugendaustausch‟ widmet, den Namen „Otto Schulz-Kampfhenkel‟ trägt (S. 283).
Holger Stoeckers Buch ist übersichtlich gegliedert. Mit seiner Konzentration auf ausgewählte thematische Stränge ist es dem Autor gelungen, die große Datenmenge erkenntnisleitend zusammenzuführen. Sein klarer sprachlicher Stil macht die Lektüre überdies zu einem Lesevergnügen.
