Abstract

Die südafrikanische Geschichtswissenschaft befindet sich in einer Krise und sucht Neuorientierungen. Ihr drastischer Bedeutungsverlust bietet seit einigen Jahren Anlass zur Selbstreflexion. Ein Streitpunkt ist die Tatsache, dass die südafrikanische Geschichtsschreibung nie Ereignisse und Strukturen nur distanziert analysiert hat, sondern Historikerinnen und Historiker wesentlich zur Produktion von politisch relevantem Wissen über die Vergangenheit beitrugen. Ausgehend von gegensätzlichen ideologischen Überzeugungen kamen sie dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen und boten sich seit den 1970er Jahre einen erbitterten Meinungsstreit, der in zähen Lagerkämpfen insbesondere zwischen Liberalen und Radikalen (Marxisten) gipfelte.
Gleichzeitig wurde die äußerst komplexe Geschichte Südafrikas von verschiedenen Interessengruppen instrumentalisiert. Dies betraf einerseits die Interpretationen historischer Machtstrukturen und Ausbeutungsverhältnisse durch die Befreiungsbewegung, wobei etliche Historiker aus Überzeugung an der Popularisierung ihres Fachwissens mitwirkten. Andererseits nahmen Vertreter des Apartheid-Regimes selektiv Rekurs auf historische Ereignisse und Zusammenhänge.
Dieser Sammelband spiegelt die konträren Positionen namhafter südafrikanischer Historiker und gewährt Einblicke in ihre Standortbestimmungen. Mehrheitlich stellen sie Rückbezüge auf ihre Rolle während der Apartheid her. Durchgängig setzen sie sich mit den politischen, institutionellen, ökonomischen und personellen Gründen für den nach der politischen Wende im Jahr 1994 fortschreitenden Bedeutungsverlust der Geschichtswissenschaft an Universitäten sowie des Geschichtsunterrichts an Schulen auseinander.
Hinsichtlich des zeitgleich und gegenläufig festzustellenden Bedeutungsgewinns der tourismusorientierten Heritage-Industrie kommen sie zu unterschiedlichen Einschätzungen. Wie wichtig diese Kontroverse ist, zeigt sich in der Buchkonzeption, denn der gesamte zweite Teil des Buches – d.h. fünf von achtzehn Beiträgen – widmet sich der Mitwirkung von Historikern bei der Geschichtskonstruktion durch Museen, Gedenkstätten, Monumente und Jahrestage. Diese selbstkritische Auseinandersetzung ist eingebettet in Analysen zur Rolle der Geschichtswissenschaft beim Aufbau des so genannten „neuen‟ Südafrika und in Interpretationen der südafrikanischen Historiografiegeschichte (erster bzw. dritter Teil des Buches).
Aus jedem dieser Schwerpunkte sollen einzelne Aufsätze vorgestellt werden, die exemplarisch die Spannbreite der Positionen zeigen.
Saul Dubow, der seit Ende der 1980er Jahre an der Universität Sussex unterrichtet und sich auf die Geschichte des Rassismus und der Apartheid spezialisiert hat, reflektiert in seinem Beitrag die Bedeutung von nationaler Identität und nationaler Einheit, zumal diese Prozesse wiederholt durch die systematische Exklusion der schwarzen Bevölkerungsmehrheit durchbrochen wurden. Er leuchtet keineswegs nur Etappen der Geschichtsschreibung aus, sondern geht auch mit liberalen sozialanthropologischen Ansätzen ins Gericht. Diese hätten zwar eurozentrischen Projektionen gegengesteuert, frühzeitig die Dynamiken in afrikanischen Gesellschaften erfasst und gesellschaftsvergleichend gearbeitet, aber dennoch zu wenig gegen die Dichotomisierung und Polarisierung zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung getan.
Auch über die südafrikanische Geschichtsschreibung fällt er kein mil- des Urteil. In einem zeitlichen Längsschnitt legt Dubow dar, dass die südafrikanische Historiografie Afrikaner nicht oder nur unzureichend als Handelnde wahrgenommen hätte. Zudem seien die Schriften afrikanischer Autoren im 20. Jahrhundert kaum beachtet worden, obwohl sie sich mit zentralen Fragen zur politischen Partizipation, zu Staatsbürgerschaft und Nationalismus befasst hätten. Dubow erläutert und kontextualisiert unterschiedliche Positionen namhafter Vertreter im ANC, in der ANC Youth League und der Black-Consciousness-Bewegung. Diese hält er mit Blick auf eine umfassende südafrikanische Geschichtswissenschaft und eine differenzierte Auseinandersetzung mit Nation und Staat für unentbehrlich.
Christopher Saunders, Professor an der Universität Kapstadt und einer der namhaftesten Historiker Südafrikas, thematisiert im zweiten Teil des Buches das Spannungsverhältnis zwischen Heritage-Industrie und Geschichtswissenschaft. Er illustriert die Probleme, die aus der Vereinnahmung der südafrikanischen Historiker für das neue lukrative Geschäft mit der eigenen Vergangenheit resultieren. Während andere Autoren noch viel deutlicher die selektive und oft romantisierende Darstellung historischer Phänomene in Museen, Gedenkstätten oder Themenparks mit drastischen Beispielen als Touristen-Show oder Handlanger für die Regierungspolitik anprangern, bleibt Saunders' Kritik eher verhalten. Er fordert die Fachkollegen, die der Heritage-Industrie zuarbeiten, zur Selbstreflexion und zum Dialog auf. Gleichzeitig mahnt er, Wissenschaftler an Universitäten und in Forschungsinstituten sollten mit denjenigen, die für Heritage-Projekte tätig sind, im Gespräch bleiben; schließlich sei der boomende Heritage-Sektor bereits in vielen Bereichen diskursprägend.
Saunders setzt sich detailliert mit Denkmälern und der Museumslandschaft in Kapstadt auseinander, deren rassistische Grundkonstanten sich kaum geändert haben. Die einzige Ausnahme sei das District-Six-Museum, das zur kritischen Aufarbeitung der Apartheid beiträgt und in Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und zwangsumgesiedelten Bewohnern konzipiert wurde. Es wurde in einer früheren Kirche am Rande des gleichnamigen, von Apartheid-Planern zerstörten Stadtteils eingerichtet. Dieses Gebäude wurde zu einem Ort, in dem über Erinnerung und museale Präsentationen der Vergangenheit diskutiert wird. Das begann bereits mit der Debatte über die frühere christliche Prägung des Gebäudes in einem Stadtteil, in dem Menschen ganz unterschiedlicher Religionen zusammen gelebt hatten. Kritik an der anfänglichen Schwerpunktsetzung, die die Lebenswelt der „Coloured‟-Bevölkerung überbetonte, wurde konstruktiv aufgegriffen und die Vertreibung schwarzer Bewohner wurde sinnvoll in die Ausstellung integriert.
Die Interpretationen der politischen Geschichte Südafrikas beschäftigen Allison Drew, die an der Universität York lehrt. Allerdings befasst sie sich weniger mit der Strukturgeschichte wie den Zwangsumsiedlungen während der Apartheid und deren heutiger Dokumentation, sondern mit konzeptionellen Fragen zur Ereignisgeschichte. Ausgehend von den gängigen Deutungen der so genannten „Rand Revolte‟ 1922, bei der weiße Arbeiterinnen und Arbeiter für Mindestlöhne und gegen die Beschäftigung billigerer schwarzer Arbeiter kämpften, zweifelt sie die bisherige Auslegung von Fakten und Zusammenhängen an. Konkret widerspricht sie ihren Fachkollegen, die den rassistischen Streikslogan „Workers of the world fight and unite for a white S.A.‟ auf die Kommunistische Partei Südafrikas zurückführten. Drew argumentiert, dass ein solcher Aufruf in Versammlungsprotokollen, internen Dokumenten und Publikationen der Kommunistischen Partei dokumentiert worden wäre, zumal diese zu jener Zeit nur etwa 200 Mitglieder hatte und viel Wert auf die akribische Protokollierung ihrer Sitzungen legte.
Diese These leitet über zu grundsätzlichen Überlegungen zum Widerstreit zwischen einer faktenorientierten und einer theoriefokussierten Historiografhie, deren Dogmatismus Drew in beiden Fällen als „Fetischismus‟ geißelt. Sie versucht, das Front- und Lagerdenken in der südafrikanischen Geschichtswissenschaft zu durchbrechen und mahnt eine intensivere Methodendiskussion an. (Eine detailliertere Reflexion über ihre eigenen Methoden wäre hier wünschenswert gewesen.) Dennoch zeigt sie Desiderate in der politischen Geschichte Südafrikas auf, wozu sie vor allem das Ausblenden von Geschlechterdimensionen zählt, insbesondere die fehlende Analyse der Rolle politischer Aktivistinnen wie Charlotte Maxeke oder Josie Mpama. Drew moniert, dass von diesen Frauen nicht viel mehr als ihre Namen bekannt sei, was sie auf die männlich dominierte Geschichtsschreibung zurückführt. Ihr Vorwurf richtet sich an linke Bewegungen und Historiker in gleicher Weise: Erstgenannte seien zu sehr vom Paradigma eines männlichen Revolutionärs in hierarchischen Organisationen ausgegangen und Letztgenannte hätten dieses Modell unreflektiert als historische Wahrheit übernommen. Daher fordert sie politische Aktivisten und Historiker auf, intensiver über etablierte Grundannahmen nachzudenken.
Insgesamt bietet der Sammelband einen facettenreichen Einblick in Kontroversen über Forschungsrichtungen und Standortbestimmungen der südafrikanischen Geschichtswissenschaft. Gerade weil Bezüge zu anderen Disziplinen, z.B. zur Sozialanthropologie, Politologie und Soziologie, hergestellt werden, ist er keineswegs nur für Historiker relevant.
