Abstract

Der vom Hamburger Äthiopisten Wolbert Smidt und von Kinfe Abraham, dem Präsidenten des Ethiopian International Institute for Peace and Development, herausgegebene Sammelband enthält die Beiträge einer Konferenz, die vom 11.–12. November 2005 in Addis Ababa stattfand. Diese, dem Thema der Konfliktlösung in Äthiopien gewidmete Tagung wurde – ebenso wie die Drucklegung der „Proceedings‟ – vom Deutschen Auswärtigen Amt gefördert. Der Tagungsband umfasst außer der Einführung 17 Beiträge in englischer Sprache, die nach Themenschwerpunkten in drei Blöcke eingeteilt sind:
Traditional Means of Conflict Prevention and Resolution,
internal Conflicts and the State,
the Future of Peacekeeping and the Role of International Collaboration.
Da die Problemstellung interdisziplinäre Zugänge und Ansätze voraussetzt, wurden die Autorinnen und Autoren folgerichtig aus einem breiten Spektrum beruflicher Orientierungen und wissenschaftlicher Spezialisierungen ausgewählt: Politikwissenschaftler, Friedens- und Konfliktforscher, Soziologen, Ethnologen sowie Praktiker aus den Bereichen der Entwicklungszusammenarbeit, Diplomatie und Politik. Mit acht Artikeln umfasst der äthiopisch-afrikanische Anteil fast die Hälfte des Sammelbandes.
Das Horn von Afrika mit den Staaten Äthiopien, Eritrea, Somalia, Djibouti, Sudan und Kenia ist eines der konfliktreichsten Gebiete nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent, sondern weltweit. Deshalb kommt internationalen Tagungen und Veröffentlichungen, die sich mit der Analyse von Ursachen, Verlauf und Bewältigung von Konflikten befassen, dort seit jeher große Aufmerksamkeit zu. Beispielsweise wurde als eine relativ zeitnahe Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 vom 23.-26.08.2002 eine vom Goethe-Institut und der deutschen Botschaft organisierte Tagung in Addis Ababa über das Thema „Cross and Crescent – Christian-Muslim Relations in Ethiopia‟ durchgeführt.
In seiner „Introduction‟ weist Wolbert Smidt dezidiert darauf hin, dass auch die Konferenz, deren Ergebnisse hier kritisch betrachtet werden sollen, unmittelbar nach den von Gewaltausbrüchen begleiteten äthiopischen Nationalwahlen im Herbst 2005 stattfand und somit einen sehr aktuellen Bezug zur Thematik Konflikt und Konfliktlösung aufwies.
Die vorliegende Publikation befasst sich mit der Situation in Äthiopien, richtet das Blickfeld jedoch immer wieder über die nationalen Grenzen dieses Staates hinaus und thematisiert dessen Eingebundenheit in den afrikanischen und globalen Kontext. Wie stets bei einem Sammelband mit einer größeren Zahl von Artikeln gestattet der für eine Besprechung zur Verfügung stehende Raum keine gleichartige Berücksichtigung aller Beiträge. Zudem ergibt sich aus der fachlichen Spezialisierung der Rezensenten nahezu zwangsläufig eine gewisse Voreingenommenheit im Hinblick auf das Interesse an den Einzelaufsätzen. Die unterschiedliche Gewichtung bei der Erwähnung von Autorinnen und Autoren ist deshalb nicht als ein Qualitätskriterium zu deuten.
In der Einleitung gibt Smidt einen kurzen Abriss über Theorien zu Konflikten und deren Mediation und Bewältigung, die im Weiteren mit Beispielen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene thematisiert werden. Das Spektrum reicht von der Androhung gewaltsamer Aktionen bis zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Einen übergreifenden theoretischen Ansatz verfolgt auch der Beitrag von Hermann Amborn „Discussing Consensus. African Perspectives on Habermas' Diskursethik‟ im ersten Hauptteil, der den Fokus auf „traditionelle‟ Methoden der Verhütung und Lösung von Konflikten legt. Eine für die Region Nordost-Afrika überaus bedeutsame Konfliktkonstellation liegt im Konkurrenzdruck von Pastoralnomaden um spärliche Ressourcen untereinander sowie mit den sesshaften Bodenbauern ihrer Umgebung. Besonders virulent sind Auseinandersetzungen in den ariden Lebensräumen der Somali und Afar, über die Abdulkarim A. Guleid und Yasin Mohammed Yasin informieren, und bei den von Monika Sommer untersuchten nilotisch-sprachigen Agropastoralisten der Gambella-Region, die sich mit einer beträchtlichen Zahl von staatlich geförderten Siedlern aus dem äthiopischen Hochland konfrontiert sehen. Mit speziellen Maßnahmen der Konfliktbewältigung in Tigray beschäftigen sich die Studien von Tarekegn Gebreyesus Kaba und von Wolbert Smidt.
In den fünf Beiträgen des zweiten Hauptteils steht die Einbeziehung der staatlichen Obrigkeit in die internen Auseinandersetzungen im Blickpunkt. Dabei geht es Rainer Tetzlaff um eine gesamtafrikanische Perspektive, während Gabriele Reichenbach und Haile Woldemikael den nationalen Kontext im Hinblick auf Äthiopien untersuchen. Der Aufsatz von Günter Schlee befasst sich mit der Konfliktregelung in einem Agrarprojekt in Somalia und Chan Gatkuoth schildert staatliche Eingriffe zur Friedenssicherung in der Gambella-Region Äthiopiens.
Der dritte Hauptteil mit sechs Beiträgen ist den Themen der zukünftigen Bedingungen von Friedenserhalt und der Rolle von Organisationen internationaler Zusammenarbeit gewidmet. Kinfe Abraham behandelt die Teilnahme Äthiopiens an internationalen Maßnahmen zur Konfliktminderung und Friedenssicherung und Belachew Gebrewold gibt einen umfassenden Einblick in die charakteristischen Systeme von Konflikt und Gewalt in diesem Land. Als ein für Friedensmissionen tätiger Diplomat berichtet der Tunesier Azouz Ennifer über die Bemühungen und Arbeitsergebnisse der United Nations Mission in Ethiopia and Eritrea (UNMEE), die nach dem Krieg von 1998–2000 zwischen den beiden Nachbarstaaten ein Ende der Kampfhandlungen und gegenseitigen Bedrohung zu garantieren sucht. Neue Wege zur internationalen Friedenssicherung durch private Akteure zeigt Alexander Meckelburg auf und in einem globalen Rahmen diskutiert Tobias Debiel Ansätze, Probleme und Zukunftsaussichten einer Entwicklungspolitik von Staaten, die von Zerfall bedroht sind. Der Sammelband schließt mit einem kurzen „Conference Report‟ von Horst Matthäus, dem Programm-Koordinator der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Addis Ababa.
Was Umfang, Gestaltung, Informationsdichte, Forschungspotenzial und kritisches Hinterfragen der Inhalte angeht, so weisen die Aufsätze des Sammelbandes beträchtliche Unterschiede auf, die nicht zuletzt aus den spezifischen Herangehensweisen der beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen resultieren. Soziologisch-ethnologische Arbeiten basieren auf Daten, die in empirischen Mikrostudien erhoben wurden, wie dies z. B. die Aufsätze von Tarekegn Gebreyesus Kaba, Wolbert Smidt und Günther Schlee dokumentieren. Methodologischen Reflektionen kommt vor allem in den Beiträgen von Hermann Amborn und Belachew Gebrewold ein erhöhter Stellenwert zu. Die in Politikwissenschaft, Diplomatie oder praktischer Entwicklungszusammenarbeit tätigen Autorinnen und Autoren richten ihren Blickwinkel vornehmlich auf die nationale Ebene Äthiopiens oder – mit einem teilweise komparatistischen Ansatz – auf die Makroebene internationaler Beziehungsnetze, mit denen das Land untrennbar verknüpft ist. Es ist in diesem Bereich nahezu unvermeidlich, dass Gemeinplätze aufgeführt und hinreichend bekannte Fakten wiederholt werden. Die Intention dieses Buches liegt jedoch nicht darin, originäre Forschungsbeiträge vorzulegen, sondern einen Einblick in die verschiedenartigen Facetten von Konflikten sowie Strategien ihrer Verhinderung und Bewältigung zu eröffnen. Mit dieser Zielsetzung ist die Publikation zweifellos als gelungen zu betrachten.
