Abstract

„Das ist der Kongo‟, zitiert die Ethnologin Barbara Mück die Pointe einer satirischen Fabel, die sie zur Illustration bei der Beratung militärischer Wahlbeobachter verwendet hatte. Barbara Mück ist eine von 51 Autorinnen und Autoren des oben genannten Sammelbandes. Eine einfache Antwort auf die Frage „was ist der Kongo?‟, bietet der Sammelband allerdings nicht. Aber er erlaubt es, sich aus unterschiedlichster Perspektive einer Antwort zu nähern. Die Beiträge beziehen sich teilweise auf im deutschsprachigen Raum wenig bekannte Quellen, und einige geben bemerkenswerte persönliche Eindrücke aus Kurzzeiteinsätzen oder langjährigen Erfahrungen wider. So vermittelt das Werk umfassende Eindrücke von einer der schwierigsten und politisch brisantesten Regionen Afrikas.
Trotz der zweifellos hohen regionalen und internationalen Bedeutung des Kongo gibt es bislang keine Veröffentlichung mit vergleichbarer Bandbreite an Informationen und Bewertungen wie diesen Sammelband. Bisherige Veröffentlichungen z.B. in französischsprachigen Zeitschriften fanden nur wenige deutsche Leser. Manfred Schulz sieht hierin eine Herausforderung für einen authentischen Zugang zu Informationen zum komplexen Thema und gibt Autoren vor Ort ein Forum für Originalbeiträge. So sind 375 Seiten in französischer Sprache, der Amtssprache der DR Kongo.
Die Beiträge sind in fünf Themenbereiche geordnet: In der „Situations-analyse‟ werden geschichtliche Zusammenhänge erklärt, auch Potenziale aus dem Rohstoffreichtum sind thematisiert. Der zweite Teil „Entwicklungen in Politik, Wirtschaft, Religion, Zivilgesellschaft und Kultur‟ ist der vielschichtigste Abschnitt des Buches, auf den jeder Leser zurückgreifen dürfte, um für die anderen Abschnitte vorbereitet zu sein. Der dritte Teil „Entwicklungszusammenarbeit‟ (EZ) stellt die unterschiedlichen Bemühungen und Probleme offizieller Geberorganisationen vor dem Hintergrund schwacher administrativer Strukturen dar. Für die Kooperation nationaler und internationaler Organisationen ergeben sich spezifische Bedingungen, die nicht nur aus Schwächen bestehen. Das Thema EZ wird im vierten Teil (Ergebnisse des Entwicklungsprozesses) anhand kritischer Fragen erneut diskutiert, so z. B., ob der Kongo überhaupt in der Lage ist, die Finanzmittel für eine Entwicklung aufzunehmen. Der Beitrag „Die DR Kongo in der deutschen Entwicklungspolitik‟ zeigt schließlich, dass die deutsche EZ vergleichsweise gut aufgestellt ist. Ihre Zusammensetzung aus unterschiedlichen offiziellen Geberinstitutionen und Kooperationen der Zivilgesellschaft bietet offensichtlich unter den spezifischen Bedingungen des Kongo einige Chancen, der Bevölkerung und ihrem Regierungssystem aus der prekären Lage herauszuhelfen. Dass das nicht ohne Frustrationen ablaufen wird, macht der Beitrag von Hartwig Fischer deutlich, der beim Sammeln von Informationen für mögliche Entwicklungsprogramme mit der Not in Flüchtlingslagern und mit Begegnungen mit Kindersoldaten konfrontiert wird.
Mehrere Beiträge des Sammelbandes passen eigentlich gleichzeitig in diverse Abschnitte. So geht z. B. Friedhelm Streiffeler zur Erläuterung der Bedeutung des informellen Sektors inklusive städtischer Agrarproduktion zugleich auf die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge ein. Um die Funktion der bäuerlichen Wirtschaft im Ostkongo verständlich zu machen, stellt Fernand Kosongo Kalenga die Interaktion mit dem Abbau von Diamanten in den Vordergrund seiner Analyse. Gerhard Hauck macht deutlich, dass die gegenwärtige Struktur der Regierungssysteme mit Kenntnissen über traditionelle Königreiche vorkolonialer Zeit besser zu verstehen ist.
In den Überschneidungen der Themenschwerpunkte sieht der Herausgeber positive Effekte, die den Dialogcharakter unterstreichen und zur Diskussion auffordern. Da es sich um Diskussionsbeiträge handelt, ist deren sehr unterschiedliche Qualität hinnehmbar. Dem Einen erschließt sich das gleiche Thema leichter auf der Ebene persönlicher Eindrücke (so das Reisetagebuch von Volker Riehl), dem Anderen sind vergleichende Analysen vertrauter, z. B. zu den Einflüssen der ehemaligen Kolonialmächte auf die heutige Situation (Rigobert Minani). Nützliche Übersichtsartikel zur Rolle und den Interessen von IWF und Weltbank (Alain Felér bzw. Khaminawa und Alber) sowie den Vereinten Nationen (Badoreck und Müller) entsprechen der Intention der Gesamtstruktur des Sammelbandes.
Zu den aktuellen Anlässen für die Veröffentlichung gehört die Verpflichtung deutscher Soldaten zur Teilnahme an der Absicherung der Wahlen von 2006. Die Medienpräsenz machte den Bedarf an neuen Informationen deutlich und deckte gleichzeitig die langjährige Vernachlässigung dieses Landes in der Medienbearbeitung auf. Erneut wurde klar, welche wirtschaftliche Bedeutung diese Region für Europa und damit auch Deutschland haben könnte bzw. bereits hat. Zur Zeit der Unabhängigkeit hatte der Kongo z.B. nach Südafrika den zweiten Rang in der Industrialisierung Afrikas – abgesehen von der Bedeutung als Rohstofflieferant (Berke und Pulkowski).
Warum das Entwicklungspotenzial ungenutzt blieb und unter der diktatorischen Willkür Mobutus verspielt wurde, stellt Omasso Yangala dar. Informationen zur Ära Mobutu und die Aufschlüsselung seiner auch für Afrikakenner noch undurchsichtigen Verstrickungen beziehen sich auch auf den Kalten Krieg der Supermächte. Der Band bietet zudem vielfältige Hintergrundinformationen zur Rolle der Kirchen als Hort von Stabilität und Orientierung für Leben und Überleben unter sich auflösenden staatlichen Strukturen. Das Wissen über die Rolle der Kirchen und Religionsgemeinschaften ist zum Verständnis von eher optimistischen Bewertungen jüngster Ereignisse unabdingbar.
Die Lektüre auch einer Auswahl der Beiträge erlaubt kaum ein entspanntes Gefühl des Zurücklehnens. Um auf das am Anfang erwähnte Fabelzitat „Das ist der Kongo‟ zurückzukommen: Der Fabelausspruch stammt von einer Schlange, die mitten im Kongofluss ein Krokodil beißt, obwohl sie gerade von eben diesem Krokodil ans andere Ufer gebracht werden soll. Dass durch den Biss beide ohne vernünftige Erklärung untergehen, zeigt Irrationalität und unberechenbare Emotionen, die bei allem Optimismus weiterhin die Geschehnisse für die Demokratische Republik Kongo bestimmen könnten. Eine Konsequenz wäre, sich künftig in die Entwicklung des Kongo mehr einzumischen. Missstände wie der Einsatz von Kindersoldaten, Raubbau an Ressourcen oder Missachtung von Menschenrechten sind zurückzudrängen, auch wenn es lange dauern könnte, um mehr Raum für positive Entfaltungen zu schaffen. Die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes haben zusammen das Potenzial, hierzu zu motivieren.
